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Dialog-backdrop Griechenland im Sommer 2010: Krisenalltag im FerienparadiesKreta. 23. Juli 2010, Hochsaison auf Kreta. Ich komme seit einem Vierteljahrhundert hierher. Gehsteige, auf denen sich Touristen drängen, Läden, die gute Geschäfte machen, übervolle Restaurants, Bars und Strandbuden und unzählige Touristen, die die Straßen der Insel mit Leihautos und Motorrädern bevölkern. So war das immer. Doch heuer ist alles anders. Auf den Gehsteigen nur vereinzelte Touristen, gähnende Leere in den Restaurants, in den Bars sitzen nur ein paar alte Kreter, die ihren Kaffee schlürfen. Viele Geschäfte und Restaurants haben trotz Hochsaison dichtgemacht - manche wohl für immer. Die Hotels sind nur zwischen 20 und 40 Prozent ausgelastet, viele Zwei- und Drei-Sterne-Hotels geschlossen. Die Mitarbeiter müssen sich zwischen 12 und 15 Tagen im Monat frei nehmen - ohne Bezahlung, versteht sich. Das bedeutet erhebliche Einkommenseinbußen für die arbeitende Bevölkerung. Maria arbeitet als Kosmetikerin und Friseurin in einem Fünf-Sterne-Hotel. Sie verdient normalerweise 800 € im Monat. Aufgrund der schlechten Saison verdient Maria heuer erheblich weniger. 650 € netto im Monat. Ihr Mann ist Beamter. Sein Gehalt wurde bereits zu Jahresbeginn um 30 Prozent gekürzt. Er verdient jetzt knapp mehr als 900 € im Monat. Das Familieneinkommen wurde somit um fast 500 € gekürzt. Die beiden haben ein Haus gebaut. Mit seinem Gehalt haben sie bisher den Kredit zurückgezahlt, mit ihrem Gehalt wurden die Lebenshaltungskosten bestritten. Jetzt bleiben ihnen nicht einmal mehr 400 €, um ihr Leben zu bestreiten, weil die Bank die Kreditraten nicht reduziert. Nicht einfach, wenn ein Liter Milch im Supermarkt das Doppelte kostet wie in Österreich. Bei Benzinkosten von 1,60 € pro Liter kann das Auto nicht mehr benutzt werden. Maria ist berufstätig, somit sozialversichert und ist im dritten Monat schwanger. Ihr Gynäkologe arbeitet im städtischen Krankenhaus. Die Ordination ist für Versicherte kostenlos. Trotzdem zahlt sie dem Arzt bei jedem Besuch 50 € zusätzlich. Für den angekündigten Kaiserschnitt werden einige hundert € im Kuvert fällig. Die Korruption blüht in Griechenland nach wie vor. Am meisten jedoch ärgert die Bevölkerung, dass diejenigen, die in der Vergangenheit die griechische Pleite verursacht haben, die korrupten Politiker, die korrupten Beamten und Unternehmer, immer noch ungestraft herumlaufen. Dafür gehen sie auf die Straße. Sie wissen, dass gespart werden muss, bestehen aber darauf, dass die Schuldigen endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn eine arbeitslose junge Mutter einen Liter Milch für ihr Baby im Supermarktklaut, kommt sie ins Gefängnis. Wenn Milliarden veruntreut und Steuern hinterzogen werden, passiert - bis dato zumindest - sehr wenig bis gar nichts. Um die Arbeitslosigkeit im Fremdenverkehr einzudämmen, übernimmt die Regierung unter bestimmten Voraussetzungen hundert Prozent der Lohnnebenkosten. Es wäre nicht Griechenland, wenn nicht clevere Unternehmer einen Weg gefunden hätten, die dafür erlassenen Bestimmungen zu umgehen, um wieder einmal (ungestraft) abzukassieren. In den Städten Athen und Thessaloniki durchwühlen die Armen der Stadt die Mülltonnen nach Essbarem. Das Arbeitslosengeld beträgt 454 € im Monat und wird für maximal fünf bis zwölf Monate gewährt. Ab Dezember 2010 wird es um drei Prozent gekürzt. Beschäftigte in Tourismusbetrieben erhalten das Arbeitslosengeld grade einmal fünf Monate. Danach ist Schluss. Kein soziales Netz, keine Versicherung mehr. Wer krank ist, wird nur bei Barzahlung behandelt. Buchungen storniert Wie sehr Streiks den Tourismus beeinflussen, sieht man am Beispiel des Generalstreiks vom 5. Mai 2010 in Athen. Drei Menschen sind um 12.00 Uhr gestorben. Um 12.15 berichteten die griechischen TV-Sender, um 12.45 Uhr ausländische TV-Stationen wie CNN darüber. Auf Kreta wusste man zu diesem Zeitpunkt noch nichts über die Geschehnisse in Athen. In einem bekannten Hotel der Fünf-Sterne-Kategorie wurden in der Zeit von 13.15 bis 14.00 Uhr 40 Reservierungen und Buchungen storniert. Und bei jedem Streik dreht sich die Schraube weiter nach unten. Der griechische Wirtschaftsminister prophezeit seinen Landsleuten für 2011 ein wesentlich schwierigeres Jahr als 2010. Hoffen wir, dass viele Betriebe diese schwere Zeit überstehen, dass die Bevölkerung nicht noch mehr bluten muss und dass die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Sonst heißt es 2011: ,,Kalinichta, armes Griechenland!" mehr Archiv…
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