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Indien: Wirtschaft wächst an Armut vorbei

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von Simone Brunner | 03.10.2011 | 03:29

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Indien: Wirtschaft wächst an Armut vorbei

Der indische Premier Manmohan Singh ist ein Muster an Bescheidenheit. In den sieben Amtsjahren an der Spitze der Regierung hat er nie Urlaub gemacht -so will es zumindest die jüngst veröffentlichte Biografie des Premiers. Gesprächsstoff, der wohl dieser Tage auch in Österreich aufs Tapet gebracht wird: Die indische Präsidentin Pratibha Patil weilt diese Woche auf Staatsbesuch in Österreich.

Ob nun Fiktion oder Realität -Bescheidenheit ist eine Tugend, in der sich nach wie vor der Großteil der indischen Bevölkerung zu üben hat. Daran ändern auch die überwältigenden Wachstumszahlen der letzten Jahre nichts: Seit 2005 ist die indische Wirtschaft um mindestens sechs Prozent jährlich gewachsen, die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) haben merklich angezogen, zwischen den Jahren 2002 und 2011 hat sich das BIP pro Kopf verdreifacht. Geht es nach der indischen Regierung, so soll es in der Tonart weitergehen: Der "zwölfte Fünf-Jahres-Plan" für die Periode 2012 bis 2017 peilt ein jährliches Wachstum von neun Prozent an. Doch das Wachstum kommt nicht unten an.

Landwirtschaft stagniert

Mehr als die Hälfte der Inder sind in der Landwirtschaft beschäftigt, die gerade einmal 18,5 Prozent zum BIP beiträgt. "Das steile Wachstum der letzten Jahre ist weitestgehend beschäftigungslos verlaufen," so Joachim Betz, Indien-Experte am GIGA-Institut in Hamburg. Nach Schätzungen der Weltbank leben 27 Prozent der Inder unter der Armutsgrenze. "Die Armut ist in der Landwirtschaft besonders groß", so Betz.

Reformen im Agrarsektor sind aber ein zweischneidiges Schwert: "Die Landwirtschaft ist ein Beschäftigungspuffer. Die Frage ist, ob es durch Steigerung der Produktivität sinnvoll ist, die Menschen in die Städte zu treiben", warnt Betz. In den ländlichen Gebieten ist nach offiziellen Angaben schon jetzt jeder zehnte Inder arbeitslos. Im Gegensatz dazu hat sich in den Städten eine "Schicht der Superreichen" entwickelt, die vom Aufschwung in den Sektoren IT, Automobil und Schwerindustrie profitiert.

Industrie boomt

Die "gelenkte Volkswirtschaft" Indien gibt sich seit der Wende 1991 liberal -doch das mit Vorbehalten. 2005 wurden die Blockaden für FDI vor allem im Bausektor gelockert, seit damals hat sich das Volumen an FDI fast vervierfacht. In anderen Sektoren zeigt sich die indische Führung hingegen noch zugeknöpft -so beim Handel, wo ausländische Beteiligungen und Niederlassungen noch immer ein Tabu sind.

Schon zu Zeiten der britischen Herrschaft war die Textilindustrie ein Sektor von besonderer Brisanz: Lange Zeit ein begehrtes Exportgut in die Alte Welt, wurden indische Handtextilien mit der Industrialisierung von europäischen Produkten verdrängt, was Indien im 19. Jahrhundert in eine Massenarbeitslosigkeit stürzte. Heute werden 60 Prozent der Textilien nach Europa und in die USA verkauft -Bedarf sinkend. Nach Regierungsangaben sind 2008/09 allein in der Textilindustrie 800.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Derweil versucht Indien, sich in puncto Außenwirtschaft neu aufzustellen -und wird in den boomenden Nachbarländern fündig. Wenn es nach der Führung in Neu-Delhi geht, soll sich das globale Weltgefüge bis 2050 ohnehin grundlegend verändern: Bis dahin will Indien nach BIP weltweit an zweiter Stelle stehen, hinter China.

Grafiken: BIP-Wachstum (in % des BIP) BIP/Kopf (in $)Anteil der Sektoren nach BIP Anteil der Sektoren nach Beschäftigung Bevölkerung (in Mrd.) FDI inflows (in Mio. $)Ölimporte (in Mrd. $) Defizit (in %des BIP) '05

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