Montag, 21. Mai 2012 a  
Dialog-backdrop
Artikel versenden

Was sind Werte wirklich wert?

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. m.mustermann@wb.com). Mehrere Empfänger werden durch Komma getrennt.

von Robert Prazak | 26.11.2010 | 00:34

A- A A+ Drucken Artikel weiterempfehlen zu den Kommentaren

Was sind Werte wirklich wert?

Beim IT- und Beratertag am 2. Dezember geht es um "Werte & Wirtschaft". Doch was bedeuten Werte im Business? Diese Frage wurde bei einem Round Table gestellt.

WB/Peroutka

"Auf dem Markt können sich die Rücksichtsloseren durchsetzen": Christian Felber, Attac

Facts

Diskussionsteilnehmer
Andreas Muther, SAP Österreich-Chef

Alfred Harl, UBIT-Obmann und Berater

Christian Felber, Attac-Gründer und Publizist

Gerhard Schwarz, Universitätsdozent für Philosophie und Buchautor
IT- und Beratertag
am 2. Dezember in der Hofburg in Wien

Thema: Werte & Wirtschaft

Internet: www.beratertag.at

WirtschaftsBlatt: Wenn es um Werte in der Wirtschaft geht, werden meist schwammige Begriffe wie Respekt oder Fairness verwendet. Wie sollen die aber eine Chance haben gegen handfeste Werte in den Unternehmen wie Gewinn oder Cashflow?

Andreas Muther: Aus meiner Sicht ist hier kein großer Widerspruch zu finden. Die Werte, die wir uns als Gesellschaft auferlegt haben, müssen und sollen auch in der Wirtschaft gelten. Meine Überzeugung ist, dass wenn wir menschlich arbeiten, dann ist die Wirtschaft langfristig erfolgreich.

Christian Felber: Ich stelle fest, dass derzeit ein systemischer Widerspruch angelegt ist: Die Systemweichen, die das Handeln der Wirtschaftsakteure leiten, belohnen tendenziell eher die gegenteiligen Verhaltensweisen und Werte. Diese Systemweichen heißen Gewinnstreben und Konkurrenz. Auf dem Markt können sich daher die Rücksichtsloseren durchsetzen.

Muther: Dem kann ich nur teilweise zustimmen. Heute ist speziell bei jungen Leuten ein Arbeitnehmer nur dann attraktiv, wenn Attribute wie Geiz nicht so stark ausgeprägt sind. Wir würden keine guten neuen Mitarbeiter bekommen, wenn wir nicht moralisch agieren würden.

Felber: Natürlich sind das auch Motive und Zielsetzungen. Aber entscheidend sind die Systemspielregeln. Und solange jene Unternehmen belohnt werden, die auf höheren Profit schauen, bleibt rücksichtsloses und egoistisches Verhalten die Bottom Line.

Gerhard Schwarz: Wir haben in der Evolution des Homo sapiens eine Reihe von Stufen durchlaufen, und die Anpassungsmöglichkeit an Umweltbedingungen wird dadurch erreicht, dass immer neue Regeln und Normen aufgestellt werden. Wir sind jetzt gerade dabei, neue zu erstellen, weil wir mit den alten nicht mehr zurechtkommen. Altruismus und Egoismus müssen heute in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

Felber: Leistung hat meiner Meinung nach nichts mit Egoismus zu tun. Es ist erwiesen, dass Menschen unter Kooperationsbedingungen mehr leisten als unter Konkurrenzbedingungen. Daher würde ich die Leistung vom Egoismus entkoppeln. Die wichtigste Triebkraft in der Konkurrenz ist die Angst, diese bewirkt langfristig weniger Leistung.

Alfred Harl: Dazu passt ja das aktuelle Thema Irland - dort haben wir eine aufgeblasene Fiktionswirtschaft. Wir haben einen Apparat vor uns, der sich wie eine Krake auf die Realwirtschaft draufsetzt. Die Wirtschaft aber sollte ja darauf ausgelegt sein, dass sie der Gesellschaft in Summe einen Nutzen bringt. Aber wie kommen wir aus dem Schlamassel heraus? Wie konnte nach der Wirtschaftskrise erneut der Fall Irland passieren?

WirtschaftsBlatt: Macht man es sich nicht zu einfach, ständig der Finanzwirtschaft den schwarzen Peter zuzuschieben?

Harl: Die Wirtschaft muss sich selbst reflektieren. Was ist uns noch etwas wert?

Muther: Es wird keine Spielregel und keine Restriktion der Welt geben, die funktionieren, wenn die Menschen nicht dahinterstehen. Wenn wir nur auf die Gesetze und die Politik schauen, wird es nicht funktionieren. Wenn wir uns nicht ändern, wird sich das System nicht ändern.

Schwarz: Mein neues Weltbild, das ich vorschlage: Die drei Bereiche Leistung, Bedürfnis und Regulationen als zueinander im Widerspruch sehen. Und die Aufgabe der Ethik ist, diese Widersprüche richtig auszubalancieren. Also nicht zu sagen: Das sind keine Widersprüche. Sondern das sind welche und wir müssen ein Widerspruchsmanagement machen. Die Hierarchie ist ein veraltetes System, mit dem wir heute als Denksystem nicht mehr durchkommen.

WirtschaftsBlatt: Zur Ethik: Derzeit hat man den Eindruck, das ist eine schwammige Anordnung von CSR-Strategien und Nachhaltigkeitsfloskeln. Was sollte Ethik in der Wirtschaft wirklich bedeuten?

Harl: Wir müssen darüber diskutieren, was unsere echten Werte sind. Kann es sein, dass einige wenige abzocken? Ich glaube, dass die Wirtschaft lernen muss. Nachhaltigkeitsberichte sind das Papier nicht wert, wenn sie im Betrieb nicht gelebt werden.

Muther: Langfristig überleben Unternehmen nur dann, wenn sie Ethik leben. Wir selbst tun auch viel in dieser Hinsicht.

Felber: Von diesen CSR-Unternehmen gibt es zum Glück ja schon einige. Eine Studie der Universität Graz sagt, dass die Mehrheit der Unternehmen die Rechtsverbindlichkeit dieser Regeln einfordert. Sonst sind ja die Unternehmen im Nachteil und die Dummen, die sich daran halten. Die Rücksichtslosigkeit ist ja dadurch auszudrücken, dass die Produkte der unfairen, rücksichtslosen Unternehmen billiger sein können.

WirtschaftsBlatt: Reichen derzeitige Standards zur Regulierung?

Schwarz: Nein. Denn Konkurrenz will Monopol: Ich will der Erste sein! Das ist ein archaisches Muster aus der Zeit, als nur der Erste überlebt hat. Dieses Muster rastet immer wieder ein, wenn wir in einer Konkurrenzsituation sind. Das muss man verhindern, dafür braucht es Regulierung.

WirtschaftsBlatt: Sprechen wir über Ethik als Lernfach an Schulen und Unis: Kann man Ethik überhaupt lernen?

Muther: Es muss sehr viel von der Familie kommen und es muss pädagogisch begleitet werden.

Felber: Das eine ist die Erfahrung im Lebenskontext, das andere aber ist das Reflektieren über Ethik. Und daher finde ich Ethikunterricht eine entscheidende Voraussetzung, um ein Bewusstsein über die unterschiedlichen Möglichkeiten zu entwickeln. Dass jetzt bis zu hundert Milliarden für Banken und Industriebetriebe mobilisiert werden und gleichzeitig die Einführungsphase des Ethikunterrichts gekappt wird, ist die symptomatischste Charakterisierung des jetzigen Systems.

Schwarz: Selbstverständlich kann und muss man Ethik lernen. Je komplexer ein System ist, desto komplexer müssen auch die Denkmodelle dahinter sein. Zum Beispiel sind unsere ethischen Systeme zu wenig komplex für die heutige Situation, insbesondere im Bereich der Wirtschaft.

Kommentare… Kommentar hinzufügen…

mehr Archiv…