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Reportage: Öl-Party in der Tundra

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von Arno Maierbrugger | 01.02.2007 | 11:09

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Reportage: Öl-Party in der Tundra

Auf Nordkanadas Ölsand-Lagerstätten machen harte Jungs Millionen

Maierbrugger

Gnadenlose Kälte, harte Arbeit: In Nordkanada wird dem Frostboden schwarzes Gold abgerungen

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Der kanadische Norden ist – schon gar im Winter – ein gottverlassenes Land. Unendliche Weiten, abertausende Kilometer flacher Schneeprärie erstrecken sich in starrer Kälte in den Horizont. An einem wolkenfreien Tag taucht die Sonne die Szenerie in ein fahles, elegantes Licht. Der Boden ist vom Dauerfrost hart wie Beton.

Doch was unter diesem Boden verborgen ist, lässt die widrigen Klimaumstände nebensächlich erscheinen. Am oberen Ende der Provinz Alberta, an der Grenze zu den fast menschenleeren Inuit-Gebieten der Northwestern Territories und Nunavut, schlummert Ölsand unter der rauen Oberfläche vor sich hin. Viel Ölsand. Experten in Edmonton schätzen die Menge des darin enthaltenen, mit den derzeitigen Mitteln wirtschaftlich abbaubaren Öls auf 177 Milliarden Barrel. Das ist fast soviel, wie das grösste Ölfeld der Welt in Saudi Arabien mit seinen 250 Milliarden Barrel noch hergibt. Und weit mehr als anderswo auf der Welt, im Irak, in Venezuela oder gar vor Norwegens Küste oder im Golf von Mexiko.

Die Kunde vom Öl in Alberta hat einen Boom ausgelöst, der – wie damals, 1898, beim Goldrausch in Dawson City, Klondike – harte Männer magisch anzieht. Sie arbeiten für Firmen wie Syncrude, Petro Canada, Suncor oder Canadian Natural Resources, die begonnen haben, das schwarze Gold aus dem fetten Ölsand herauszupressen. Ins grösste derzeitige Vorhaben, das Horizon-Projekt von Canadian Natural, fliessen bis 2011 insgesamt 10,8 Milliarden Kanada-Dollar. Leute wie John Puckering, Horizon-Projektleiter, sind da, um die Vorkommen auszubeuten. Um den Saudis zu zeigen, dass ihr Öl-Monopol zu Ende ist. Um George Bush zu signalisieren, dass er sich mit dem liberalen Kanada besser auf guten Fuss stellen soll. Denn die Pipeline aus Nordalberta führt direkt zu den durstigen Raffinerien von Chicago. Und die Kanadier sitzen am Ölhahn. Sie können auch entscheiden, ob sie lieber mit Chinesen Geschäfte machen als mit den USA. So gab es in Washington ein grosses Hallo, als sich die Firma Synenco anschickte, gemeinsam mit dem chinesischen staatlichen Ölkonzern Sinopec ein grosses Ölsandprojekt namens "Northern Lights" oben in der kanadischen Tundra zu starten. Das fertige Öl soll in Zukunft per Pipeline via Vancouver und von dort in grossen Tankern nach Shanghai geliefert werden, musste Bush erfahren.

John Puckering ist einer von der harten Sorte. Am Horizon-Projekt gibt es nicht viel zu lachen: Im Winter wird bei bis zu minus 30 Grad gearbeitet, gut zehn Stunden am Tag. 2000 Arbeiter stampfen auf dem Riesen-Areal die grösste Ölsand-Förderanlage der Welt aus dem Boden. Dick eingemummt, mit Pelzstiefeln und wattierten Mützen, sieht man sie in der starren Kälte an Stahlgerippen schweissen, Pfeiler in den harten Boden stampfen und Beton in mühsam ausgehobene Künetten giessen. Erst wenn ab minus 30 Grad die Maschinen ihren Dienst versagen und die grossen Trucks nicht mehr fahren wollen, weil die Schmierflüssigkeit im Motor zäh wie Melasse wird, ist Kältepause.

"Wir sind hier im Öl-Business, wenn wir was machen, dann ordentlich", sagt Puckering. Das Wort "billions" verwendet er ziemlich häufig. Canadian Natural hat innerhalb kurzer Zeit seinen Marktwert an der Börse von sechs auf 31 Milliarden Kanada-Dollar gesteigert. Die Aktie hat in nur drei Jahren schon mehr als 1000 Prozent zugelegt und drei Splits hinter sich. "Es gibt wenige Tage, an denen ich nicht um vier Uhr früh aufstehe. Aber, verdammt, es lohnt sich".

Canadian Natural hat für die Ölarbeiter ein paar benefits auf Lager. Auf der Horizon-Projektseite wurde ein Flugplatz gebaut, auf dem sogar eine Boeing 737 landen kann. Die Arbeiter werden, wenn sie nicht dauerhaft in der Kälte bleiben wollen, wöchentlich von Edmonton oder Calgary eingeflogen. Die Mannschaftsunterkünfte, grosse Wohncontainer, werden gratis zur Verfügung gestellt; die Einzelzimmer für die Arbeiter haben Fernsehen, DVD-Player und Breitbandinternet. Eine Catering-Firma sorgt für nahrhafte Verpflegung, eine Bar bietet Drinks und Billardtische, sogar ein Fitnessstudio gibt es für jene, denen die harte Arbeit im Ölsand nicht reicht. Die Anschlagtafeln im Gemeinschaftsraum mahnen, keinen Abfall auf der Baustelle liegen zu lassen. Weniger der Umwelt zuliebe. Essensreste locken Koyoten, Wölfe und Bären an, ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsproblem. Auf den Minen im Norden sind Zwischenfälle mit wilden Tieren an der Tagesordnung. Rund ums Horizon-Projekt wird daher ein zwei Meter hoher Zaun aufgezogen.

Der grosse Trost für die ganzen Strapazen ist – wie anderswo auch – das gute Geld. Projektleiter wie Puckering cashen im Jahr zwischen 100.000 und 150.000 Dollar ab - zuzüglich Optionen auf die weiter ordentlich steigende Aktie von Canadian Natural. Es kommt schon vor, dass junge Mitarbeiter nach vier, fünf Jahren Arbeit in den Ölsandgebieten plötzlich Millionäre geworden sind - und mit Ende 30 statt an die weitere Karriereplanung an den frühzeitigen Ruhestand in Mexiko oder auf Hawaii denken.

Andere, ganz Harte legen noch eins drauf und lassen sich von der Firma Diavik abwerben, die noch viel weiter nördlich eine Diamantenmine betreibt. Dort, 500 Kilometer ab Yellowknife Richtung Polarkreis, wurden an einem entlegenem See namens Lac de Gras umfangreiche Vorkommen des edlen Gesteins entdeckt. Wer will, kann dort am Bau der Mine mitarbeiten und wird ab 9000 Dollar im Monat bezahlt. Um Interessenten herrscht eine rege Nachfrage, und sie können Überstunden machen, soviel sie wollen.

Szenenwechsel: Ed McArthur ist Techniker auf der Horizon-Baustelle, wartet und repariert Generatoren, Turbinen und Schaltanlagen. Er ist 24 Jahre alt und verdient 1100 Dollar - pro Woche. Er weiss über den Aktienkurs von Canadian Natural genauso gut Bescheid wie über die Leistung seines monumentalen Dodge-Pickups, der die ganze Nacht mit laufendem Motor vor seiner Unterkunft steht, damit die Benzinleitungen nicht einfrieren. Spätestens mit 35 will er nur mehr Golf spielen, statt sich auf den Ölfeldern abzurackern. Er lebt derzeit in Fort McMurray, einer seltsamen Öl-Boomtown am Athabasca-River in Nordalberta, nahe bei den Ölsandfeldern. Die Bevölkerung dort ist in den letzten zehn Jahren von rund 15.000 auf 73.000 explodiert, bis 2010 sollen es 100.000 sein. Die Immobilienpreise haben das Niveau von New York oder Tokio erreicht, das Durchschnittseinkommen der Haushalte beträgt im Jahr rund 93.000 Dollar. Die Wirtschaft in Fort McMurray hyperventiliert.

Das Flair der wohlhabenden Grossstadt fehlt Fort McMurray allerdings bei weitem. Das Stadt- und vor allem das Nachtleben ist von Ölarbeiter-Rednecks dominiert, Frauen sind rar. In Treffs wie der "Oil Can-Bar" oder im "Cowboys" sind Schlägereien an der Tagesordnung, Drogenprobleme sind nicht wegzuleugnen. Gerade Kokain hilft mit, die erbarmungslosen Schichten in bitterer Kälte durchzustehen. Die Ölfirmen haben zwar verpflichtende Drogentests für die Mitarbeiter eingeführt. Doch Kokain ist nach zwei bis drei Tagen aus dem Kreislauf ausgespült. Und krank werden darf man auch nicht in Fort McMurray. Die letzte Klinik hat im August des Vorjahres zugesperrt – es gab einfach kein medizinisches Personal mehr.

Der Südwind der kanadischen Prärie weht Ölgeruch von den Feldern durch die Strassen von Fort McMurray. Es könnte genauso gut nach Geld riechen, das man hier in Massen scheffelt, aber kaum gross ausgeben kann, ausser man trägt es ins "Boomtown Casino" an der Hauptstrasse. Nicht einmal durch einen Hauskauf wird man es wirklich los, denn sofort melden sich potentielle Untermieter, die bereit sind, bis zu 1000 Dollar im Monat für ein kleines Zimmer auf den Tisch zu legen. Denn nicht nur die Ölarbeiter verdienen prächtig, auch als Tankstellenwart, als Kellnerin oder als Busfahrer geht man selten unter 130 Dollar am Tag nach Hause.

Kanadas Regierung hat sich übrigens auch des Minderheiten-Problems angenommen, das im Zusammenhang mit der Rohstoff-Ausbeutung in indigenen Gebieten wie dem Norden zwangsläufig auftritt. So gibt es eine Vorgabe, nach Möglichkeit bis zu 30 Prozent der Arbeiterschaft am Projekt aus Bevölkerungsgruppen vor Ort zu rekrutieren, in diesem Fall der verschiedenen Inuit-Stämme. Diese, in Kanada unter der Bezeichnung "First Nations" zusammen gefasst, nehmen diese Möglichkeit gerne auf. "Das sind kleine, isolierte Communities, wo bis zu 85 Prozent Arbeitslosigkeit herrscht", erklärt der Chef der Minen-Abteilung des Energieministeriums von British Columbia, Fred Hermann. Die First Nations-Chiefs würden daher die Angebote der Minen- und Ölgesellschaften zur Mitarbeit nur zu gerne aufnehmen, sagt Hermann. Weil es unter ihnen aber kaum Facharbeiter gibt, werden sie entweder von den Firmen angelernt oder als Subauftragnehmer für Lastwagentransporte, fürs Catering, die Reinigung der Mannschaftsunterkünfte oder beim Minenrückbau bei diversen, von der Regierung gesponserten Umweltmassnahmen, eingesetzt. Dieses System habe sich bewährt, sagt Hermann: "Es ist jedenfalls besser, als ihnen einen monatlichen Wohlfahrtsscheck in die Hand zu drücken". Wozu das geführt hat, sieht man ja in Australien: Dort fertigen die Minengesellschaften die Aborigines mit wöchentlichen Zahlungen ab, damit sie sich von den Abbaustellen fernhalten und auch sonst Ruhe geben. Das Resultat ist bekannt: Hoher Alkoholismus in den Communities, Verfall der Stammesstrukturen und langsames Aussterben der Gruppen. In Kanada dagegen können Inuit sogar am Umsatz der Mine oder des Ölsandfeldes beteiligt werden, wenn sie dafür eine Gegenleistung bringen. Hermann: "Da gibt es eine ganze Reihe an Deals".

So ist offenbar allen geholfen. An den Geschäftschancen sollte es jedenfalls nicht scheitern. "Es ist so unvorstellbar viel Geld hier", schwärmt etwa der deutsche Konsul Jacobus Bouwman in Calgary. "Man muss einfach vor Ort sein, hier ist richtig was los". Kein Wunder: In den nächsten Jahren will die Ölindustrie für den Abbau von Ölsand, aber auch für Umweltmassnahmen und Wasseraufbereitung laut Bouwman insgesamt 80 bis 100 Milliarden Kanada-Dollar an Investitionen "verbraten".

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