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Dialog-backdrop Grooner wirds nichtDie New Yorker Promis haben eine neue Droge: Grüner Veltliner aus Österreich. Aber nur, wenn er im Wallsé serviert wird. Dort kann sogar Julian Schnabel seine Sorgen vergessen. ZitiertEs ist eine Art akribisch kuratiertes Best of Austria, das Gutenbrunner in seinem New Yorker Wallsé anbietet.“ ZitiertLou Reed hat dem Heroin schon vor Jahren zugunsten österreichischer Spitzenweine abgeschworen. Das Schönste am Greenwich Village sind die Sonnenuntergänge über dem Hudson, die derart intensive Farben hervorbringen, dass böse Zungen auf die chemische Industrie in New Jersey verweisen. Das Licht fällt in die Querstraßen hinein, in die Perry Street, wo es sich in den Glastürmen des Architekten Richard Meier spiegelt, die über die sanierten Fabriksbauten emporragen. In der West 11th Street fällt es in die Atelierhallen des Malers Julian Schnabel, wo dieser an einem typischen Nachmittag etwa Benicio del Toro porträtiert, und wenige Meter weiter dann in den Barbereich des Wallsé, idealerweise in ein Glas Grünen Veltliners, das von einer charmanten Bardame vor einem auf dem Tresen hingestellt wird. Als der österreichische Koch Kurt Gutenbrunner sein Lokal eröffnete, das nach seinem Heimatdorf Wallsee benannt ist, sollte es nicht viel mehr sein als ein informelles aber elegantes Beisl - mit weißen Backsteinwänden und schwarzen Loos-Stühlen,mit österreichischen Weinen und einer modernen Wiener Küche. Heute, einen Michelin-Stern und neun Jahre später, ist das Wallsé im Village zur Institution geworden - als ein Ort, der mit der neuen Realität des alten Künstlerviertels in perfektem Einklang steht. Am frühen Abend kannman im Wallsé oft Lou Reed beobachten, der um die Ecke wohnt und dem Heroin schon vor Jahren zugunsten österreichischer Spitzenweine abgeschworen hat. An der Wandlung des Village- Urgesteins Reed zum Fotokünstler lässt sich sehr gut die Entwicklung des Viertels nachvollziehen: Anstatt wie einst in seinen Songtexten ein nächtliches New York der Stricher, Transen und Dealer zu beschwören, konzentriert er sich nun hauptsächlich darauf, besagten Sonnenuntergang zu fotografieren. Die Bilder werden der Öffentlichkeit dann etwa in der Galerie über dem Hermès-Flagshipstore an der Madison Avenue präsentiert. Elton John liebt Mohr im Hemd im Wallsé Über ein Jahrhundert lang war das Greenwich Village eines der kreativen Zentren Amerikas, eine Art freie Republik der Bohème, aus der beinahe alle Errungenschaften amerikanischer Aufklärung hervorgingen: die sexuelle Revolution, der Abstrakte Expressionismus, die Beat Generation, der Feminismus, der Velvet Underground und die Schwulenbewegung. Betrunkene Künstler, leichte Damen und billige Lofts - das konnte natürlich nicht ewig gutgehen. Heute gilt insbesondere derwestliche Rand des Village als Prototyp für das Phänomen der Gentrifizierung. Vom sagenumwobenen Paradies der Libertären hat es sich zu einer der vornehmsten Wohngegenden Amerikas entwickelt. "Die Gegend war mal schmutzig und ist heute sehr elitär", fasst es Gutenbrunner zusammen. "Finanzkrise hin oder her, wenn ich heute hier aufsperren würde, wäre dieMiete sicher viermal so hoch." Das soll nicht heißen, dass die Künstler aus dem Village vollends verschwunden sind, es gibt sie durchaus noch. Aber sie müssen sich entweder früh eingekauft haben (und somit alte Künstler sein), oder es muss sich um sehr reiche Künstler handeln. Deren Geschäftsmodell folgt gewissermaßen dem des Multitalents Andy Warhol: der Künstler als Konglomerat, und kein Protagonist der neuen goldenen Village-Bohème hat dies mehr verinnerlicht als Wallsé-Stammgast Julian Schnabel, der immer noch Maler ist, aber auch Regisseur, Designer und Immobilienentwickler. Letzteres jedoch mit eher überschaubarem Erfolg: Die mehrstöckigen Wohnungen in seinem Palazzo Chupi, einen halben Häuserblock vom Wallsé entfernt, finden trotz Besichtigungen durch Madonna und Bono (und mittlerweile um mehr als die Hälfte reduzierter Preise) keine Abnehmer. Um seine Kredite zu bedienen, musste Schnabel vor Kurzem sogar einen Picasso aus seinem Wohnzimmer verkaufen. Im Wallsé an der Bar, tief in ein Glas Veltliner hinabblickend, lassen sich unschöne Situationen dieser Art allerdings getrost verdrängen. Anders als das nahegelegene Waverly Inn, das überdrehte Prominentenlokal des Vanity Fair-Chefs Graydon Carter, ist das Wallsé ein entspanntes Künstlerlokal, obwohl es von Prominenten ebenfalls stark frequentiert wird: von Sean Penn etwa, Jay-Z, Gisele Bündchen, Matt Dillon, Harvey Keitel, Helmut Lang, Björk oder Natalie Portman. Elton John, so hört man, kann dem Mohr im Hemd nicht widerstehen. Dennoch liegt der Reiz im Nichtsehen und - gesehenwerden - obwohl sich dies angesichts der langen Liste berühmter Stammgäste für diese dann doch nicht so ganz vermeiden lässt. Wie die finsteren taverns des alten Village genau auf die Bedürfnisse der damaligen mittellosen Bohème ausgerichtet waren - billiger Whiskey, schummriges Licht, lockereMoral, keine Sperrstunde - und wie die Wiener Kaffeehäuser einst genau auf die Bedürfnisse brotloser Schriftsteller ausgerichtet waren - für den Preis eines kleinen Braunen den ganzen Tag lang sitzen, schreiben und alle Zeitungen lesen -, so genau trifft das Wallsé die weitaus differenzierteren Bedürfnisse der neuen Klientel, deren riesige Lofts es umzingeln. Wiener Schnitzel kann ein Kunstwerk sein Zuallererst ein geschmackvolles Interieur in Schwarz und Weiß, das Adolf Loos Diktum von Ornament und Verbrechen Folge leistet. Alles ist hochwertig und schlicht, mit saisonalen Blumenarrangements auf dem Bartresen. Eine umfassende, fast ausschließlich österreichische Weinkarte, auf der Flaschen stehen, die auch in Wien schwer zu finden wären (der Blaufränkisch Lutzmannsburg von Moric zum Beispiel), und die damit auch abgebrühten New Yorker Gourmets ausreichend Distinktionsmöglichkeiten bieten. Zusammen mit seinem Vorläufer Danube und österreichischen Sommeliers wie Alexander "The Grape" Adlgasser ist das Wallsé der Hauptgrund dafür, dass mittlerweile in jeder besseren New Yorker Bar ein "Grooner", wie der Grüne Veltliner hier ausgesprochen wird, glasweise ausgeschenkt wird. Darüber hinaus ein verfeinertes aber unprätentiöses Essen: die Art Gerichte, die man jeden Tag zu sich nehmen kann und will. Dabei ist wirklich bemerkenswert, was herauskommt, wenn Gutenbrunner seine im Münchner Tantris und bei derNewYorker Sternekoch - Legende David Bouley geschliffenen Kochkünste etwa auf einen Kessel Gulasch konzentriert. "Ich glaube an die Klassiker", sinniert Gutenbrunner. "Wie ein Musiker spiele ich, was die Leute hören wollen. Aber ich lasse mir immer genug Raum für Experimente." Diese ergeben dann bisweilen neue Klassiker - wie etwa geschmortes Kaninchen mit Spätzle und Rosenkohlblättern, einer in Manhattan mittlerweile legendären Vorspeise. Entscheidend sei, nur die frischesten Zutaten zu verwenden: "Draußen auf Long Island habe ich Leute, die für mich fischen." Die Einrichtung, der Wein, das Essen - alles ist stimmig, alles greift ineinander, es ist eine Art akribisch kuratiertes Best of Austria, das Gutenbrunner im Wallsé anbietet, eine spezifische Form von harmonischer Eleganz, die es als Gesamtprodukt zuvor kaum gegeben hat. Nicht in New York, aber auch in Österreich nicht. "Man muss eine klare Vision davon haben, wasman verkaufenwill", erklärt Gutenbrunner. "Schau mal, der Helmut Lang, der hat ein Produkt gemacht, das einfach nicht vergleichbar war: mit den Franzosen nicht, mit den Italienern nicht, und dadurch hat er einen wahnsinnigen Erfolg gehabt."Wie Gutenbrunner selbst, der neben dem Wallsé noch das Café Sabarsky an der Fifth Avenue und die Blaue Gans in Tribeca betreibt, außerdem gerade eine Weinbar eröffnet hat und plant, nach Kalifornien zu expandieren. Und wie bei Lang, der mittlerweile Installationen macht, geht es im Wallsé gewissermaßen auch um Kunst. Zumindest Gutenbrunner zufolge, der behauptet, ein "perfektes goldenes Wiener Schnitzel kann durchaus ein Kunstwerk sein". Und natürlich an den Wänden des Wallsé, wo Kunstwerke von Martin Kippenberger, Dennis Hopper und Julian Schnabel hängen; mit Letzterem ist Gutenbrunner seit Jahren befreundet. "Julian entscheidet, was an die Wände kommt", sagt er. Gegenüber der Bar hängt ein großformatiges Porträt, das Schnabel von ihm gemalt hat und das Anklänge an die Selbstporträts Egon Schieles erkennen lässt - die Betonung der Knochenstruktur etwa oder den intensiven Blick auf den Betrachter. Schnabel habe ihn schon immer malen wollen, und eines Tages habe er aus dem Atelier angerufen und gesagt, er solle mal rüberkommen. Das Licht sei gerade so gut. mehr deluxe… |
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