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Dialog-backdrop Kost in TranslationKolumnist Thomas Glavinic liest gerade in Tokio aus seinen Werken. Das ist ungewöhnlich, aber nicht so ungewöhnlich wie das, was er zu essen bekommt. ZitiertThomas GlavinicDie Japaner freuen sich sehr, wenn wir etwas nicht essen wollen, was sie uns hinstellen, da reiben sie sich die Hände und lachen Zur PersonThomas Glavinic, 37, SchriftstellerGlavinic stammt aus der Steiermark und lebt in Wien. Kürzlich ist sein Roman "Das Leben der Wünsche" erschienen.
Seit ein paar Tagen habe ich ein neues Lieblingslokal. Es wird nicht lange mein Lieblingslokal bleiben, sobald ich nach Österreich zurückkomme, wird wieder nahezu jeden Tag eine geheimnisvolle stumme Entscheidung meine Schritte fast automatisch zum Naschmarkt leiten, wo im Indian Pavillon Herr Chandihok den Löffel schwingt. Aber solange ich noch hier bin, in Roppongi, dem berühmten Stadtteil Tokios, ist mein Favorit klar. Seit ich in Japan bin, werde ich jeden Tag nach meinen Lesungen vor mehr oder minder interessierten Studenten von diesen und ihren Professoren zum Essen eingeladen. Die lieben Menschen wollen mir eine Freude machen. Deshalb führen sie mich in ein traditionelles japanisches Lokal. Dort muss man sich die Schuhe ausziehen und kriegt sehr viel zu essen. Sehr viele Vorspeisen. Sehr viele Hauptspeisen. Sehr viele Nachspeisen. Ein paar Mal bekam ich auch traditionelles japanisches Frühstück. Davon soll später die Rede sein. Das mir Rätselhafte bislang ist die vollkommene Unterschiedslosigkeit zwischen Vor- Haupt- und Nachspeise (und mit geringen Abstrichen auch dem Frühstück). Sitzt man nämlich in Socken vor einer mächtigen Flasche Sake, kommen auf Knien hübsche Fräuleins herangerutscht und stellen einem unter verschiedensten Gutturallauten Teller mit absonderlichem Belag vor die Nase. Nun beobachten die Gastgeber mit hämischen Grinsen, wie es den Gast aus dem Westen in Minutenabständen schüttelt. Die Japaner freuen sich sehr, wenn wir etwas nicht essen wollen, was sie uns hinstellen, da reiben sie sich die Hände und lachen: "Wir verstehen schon, dass ihrWestler das nicht essen könnt. Wir sind eben Japaner!" Da haben sie allerdings recht, jedenfalls in Bezug auf mich. Ich bin kein Japaner und werde nie einer werden: Pferdesashimi. Ist allseits bekannt, was Sashimi ist? Dann ist wohl auch klar, worum es sich bei der verlockend auf einem Holzbrett angerichteten Speise handelt, die auf diesen Namen hört. Und es ist auch klar, was Hühnersashimi ist? Auch dies wird hier dem zu Gast weilenden Schriftsteller mit freundlichem Fernostlächeln serviert. Ist klar, was Tintenfisch ist? Ist klar, was lebender Tintenfisch ist? Richtig. Dazu gibt eine beeindruckend abwechslungsreiche Abfolge diverser Meerestiere, schaurig aussehender Suppen sowie Gemüsestreifen, die auch nach dem zwanzigsten Eintauchen in Sojasauce nach nichts als Gemüse mit Sojasauce schmecken. Womit wir zum Frühstück kommen. Das sieht nämlich tatsächlich nicht viel anders aus als die Gerichte, die dem westlichen Opfer am Abend serviert werden, allerdings gibt es dazu noch einen immerhin toten Fisch, der auf kleiner Flamme gegart wird und nach dem Erlöschen der Kerze zum Verzehr bereit steht. Aus all diesen Gründen ist mein derzeitiges Lieblingslokal ein kleines, unscheinbares italienisches Restaurant, das vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet hat. Zwar wird es von Japanern geführt, die italienische Gerichte sehr großzügig interpretieren, aber ihre Produkte schmecken durchaus noch entfernt italienisch, und es ist weit und breit kein Pferd und keine Sojasauce zu sehen. Ich gehe jeden Tag hin, heimlich. Ich stehle mich von festlichsten Abendtafeln davon und husche wie ein Dieb durch die Nacht, um mir Spaghetti mit Knoblauch und Pfefferoni zu gönnen. Das ist meine Antwort. Viel, viel, sehr viel Knoblauch. Das heißt, die zweite Antwort. Die erste ist: Trinken wir noch ein Glas! Denn viele Japaner wollen ihren Enzymmangel, der sie so angreifbar macht für die Gefahren des Alkohols, nicht wahrhaben, und wenn sie mit einem Schluckspecht aus Wien beim Bier- und Sakegefecht mitzuhalten versuchen, geht das schlimm für sie aus (raten Sie mal, wer dann hämisch lacht). Und genau diese vollständige Umnachtung aller Gastgeber führt dazu, dass der Gast entkommen und in sein Lieblingslokal laufen kann. mehr deluxe… |
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