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Wirtschaftliche Wirklichkeiten versus politische Posen

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von John Naisbitt, Doris Naisbitt | 27.01.2012 | 00:33

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Wirtschaftliche Wirklichkeiten versus politische Posen

Doris & John Naisbitt: Abwarten und eine Krise in eine Gelegenheit verwandeln

MA YING-JEOU'S CAMPAIGN OFF

Ma Ying-jeous, Präsident Taiwan

Facts

John Naisbitt, Doris Naisbitt
Exklusiv im WirtschaftsBlatt: "China heute und morgen" von John und Doris Naisbitt.

"Megatrends" machte John Naisbitt weltbekannt. "Megatrends Asien" stand am Beginn der gemeinsamen Arbeit von Doris und John Naisbitt. Ihr 2009 erschienener Bestseller "Chinas Megatrends" analysiert das Fundament der rasanten Entwicklung des Reichs der Mitte. Im Fokus ihres 2007 gegründeten Naisbitt China Institutes mit Sitz in Tianjin und Chengdu ist heute Chinas aufstrebender Westen. Infos dazu finden Sie unter www.naisbitt.com und http://doris.naisbitt.com

Mit der Wiederwahl Ma Yingjeous als Präsident Taiwans am 14. Jänner 2012 wurden die Weichen für eine weitere Entspannung mit dem nur 160 km entfernten einstigen Mutterland China gestellt. Ein Aufatmen kam auch vonseiten der USA. Es war ein Sieg. Der Sieg der Wirtschaft über die Ideologie.

Inwieweit Ma Ying-jeous gutes Aussehen - in einer Umfrage favorisierte eine Mehrheit der Taiwanesinnen Ma als Vater ihres Kindes - seinen Wahlsieg unterstützte, sei dahingestellt. Sein Verstand steht seinem Aussehen jedenfalls um nichts nach. Den Doktortitel der Rechtswissenschaften erwarb der in Hongkong aufgewachsene Ma an der Universität Harvard. Sein politischer Werdegang begann als Dolmetscher und Sekretär Präsident Chiang Ching-kuos, dem Sohn des legendären Kuomintang-Führers und Erzrivalen Maos, Chiang Kai-shek.

Als wir Ma Ying-jeou im November 2007 bei einer Fernsehdiskussion erstmals begegneten, war der heute 61-Jährige bereits mit 38 Jahren das jüngste Kabinettsmitglied Taiwans gewesen, hatte als Justizminister Reformen durchgesetzt, war von einem Korruptionsverdacht reingewaschen worden und stand gerade mitten im Wahlkampf um die Präsidentschaft Taiwans. Auf die Frage: "Wer wird der nächste Präsident Taiwans werden?" hatten wir damals mit: "Er sitzt neben uns" geantwortet -eine Prognose, die uns nach seinem Wahlsieg eine Einladung zur Amtseinführung als Präsident im Mai 2008 einbrachte, ein Amt, das es aus Sicht Chinas in Taiwan gar nicht gibt. Taiwan wird nur von 23 Staaten, in Europa nur vom Vatikan, als eigener Staat anerkannt. Für den Rest der Welt, einschließlich der USA, ist Taiwan ungeachtet moralischer und militärischer Unterstützung Teil der Volksrepublik China.

Obwohl Washington sich auch in Mas zweiten Wahlkampf nicht direkt eingemischt hat, war klar, dass ein Sieg seiner Kontrahentin Tsai Ing-wen, deren Demokratische Fortschrittspartei mehr auf Konfrontation denn Kooperation mit China setzt, nicht nur zu Turbulenzen in der Formosastraße, sondern zu einer Verschärfung der Fronten zwischen China und den USA geführt hätte. Präsident Clinton hatte 1996 auf Chinas Raketenübungen mit der Entsendung eines Flugzeugträgers geantwortet. China wiederum hatte 2000 während der Amtszeit der taiwanesischen Pro-Unabhängigkeits-Präsidenten Lee Tenghui und Chen Shui-bian für den Fall weiterer Provokationen mit unberechenbaren nationalen und internationalen Konsequenzen gedroht.

Ma Ying-jeous "Drei Neins" "keine Unabhängigkeit, keine Wiedervereinigung, keine militärische Gewalt" -hingegen hatten nicht nur zu einer schrittweisen Entspannung zwischen China, Taiwan und den USA, sondern auch zu weiter wachsenden wirtschaftlichen Verflechtungen der "beiden Chinas" geführt. Speziell in der IT-Industrie ist Taiwan Teil der chinesischen Wirtschaft geworden: Der größte Exporteur Chinas ist die taiwanesische Firma Foxconn, weltweit größter Hersteller von Elektronik und Computerteilen. Die meisten chinesischen Mobiltelefone werden mit Chips der taiwanesischen MediaTek betrieben.

Die am 29. Juni 2010 in Chongquing unterschriebene Vereinbarung zur bevorzugten wirtschaftlichen Zusammenarbeit (Economic Cooperation Framework Agreement, ECFA) führte zu einer Reduzierung der Tarife und Handelsbarrieren und gilt als wichtigstes Abkommen seit der Spaltung im Jahr 1949. Im Jahr 2010 gingen rund 45 Prozent der taiwanesischen Exporte, die etwa 70 Prozent des BIP erwirtschaften, nach China und Hongkong, um die zwölf Prozent gingen in die USA.

Die von Ma 2008 initiierten direkten Flugverbindungen zwischen Festland und Eiland ersparen Tausenden in China agierenden taiwanesischen Groß-und Kleinunternehmern den zeitraubenden Umweg über Hongkong und machten es 200.000 in China ansässigen Taiwanesen einfach, zur Wahl nach Taiwan zu fliegen.

Mit der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich ist auch innenpolitisch Mas größte Herausforderung wirtschaftlicher Natur. Die Strategie "Abwarten und eine Krise in eine Gelegenheit verwandeln" hält Ma dafür den Kopf frei. Dass Taiwan trotz wirtschaftlicher Vernetzung nicht gewillt ist, nach der politischen Pfeife Chinas zu tanzen, wurde im November 2011 mit der Ausstellung "Ai Weiwei absent" in Taipehs Fine Art Museum demonstriert.

Das unausgesprochene Zukunftsmodell könnte Chinas "Ein Land, zwei Systeme"-Arrangement mit Hongkong und Macao sein. Mit Mas Wiederwahl im Januar 2012 ist ein weiterer Schritt in Richtung friedlicher Koexistenz gesetzt.

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