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Dialog-backdrop Die globalen Herausforderungen im BeschäftigungsbereichÖkonomie-Nobelpreisträger Michael Spence analyisert die Herausforderungen für den internationalen Arbeitsmarkt. Zur PersonMichael Spence ist Ökonomie-Nobelpreisträger, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Stern School of Business der New York University, Distinguished Visiting Fellow beim Council on Foreign Relations und Senior Fellow an der Hoover Institution der Universität Stanford. Sein jüngstes Buch trägt den Titel The Next Convergence – The Future of Economic Growth in a Multispeed World (www.thenextconvergence.com).
NEW YORK - In den letzten drei Jahrzehnten sind hunderte Millionen neuer Arbeitskräfte in die Weltwirtschaft eingetreten. Sie verfügten über unterschiedliche Ausbildungsniveaus und Qualifikationen, aber im Lauf der Zeit haben alle im Sinne von „Humankapital" - sowie auch im Hinblick auf Wertschöpfung und Einkommen - profitiert. Dies führte zu einem enormen und anhaltenden Wachstum der Einkommen und der Größe der Weltwirtschaft. Allerdings haben diese neuen Arbeitskräfte auch einen verschärften Wettbewerb um Arbeitsplätze und signifikante Veränderungen bei relativen Löhnen und Preisen verursacht, was wiederum grundlegende Verteilungseffekte hat. Dieser massive Strukturwandel in der Weltwirtschaft bringt drei große Herausforderungen im Bereich Beschäftigung mit sich, wobei verschiedene Länder mit Varianten dieser Herausforderungen konfrontiert sein werden. Die erste Herausforderung besteht darin, genügend Arbeitsplätze zu schaffen, um dem Zustrom neuer Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt gerecht werden zu können. Zahlreichen Industrie- und Entwicklungsländern gelingt das ganz klar nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch und steigt weiter. Sogar in rasch wachsenden Entwicklungsländern warten überzählige Arbeitskräfte auf ihre Eingliederung in die moderne Wirtschaft und es herrscht großer Druck, die Schaffung neuer Arbeitsplätze voranzutreiben. Die zweite Herausforderung ist, Qualifikationen und Fähigkeiten auf das Arbeitsplatzangebot abzustimmen - und diese Anpassung dauert ihre Zeit. Außerdem handelt es sich dabei um ein bewegliches Ziel. Die Globalisierung und personalsparende Technologien führten in zahlreichen Ländern zu einem Ungleichgewicht auf den Arbeitsmärkten. Die mangelnde Übereinstimmung zwischen angebotenen und nachgefragten Fachkenntnissen nimmt überhand. Außerdem ist die Struktur der Weltwirtschaft angesichts des raschen Wachstums in den Entwicklungsländern alles andere als statisch und es scheint klar, dass die Geschwindigkeit der Anpassung dem Strukturwandel hinterher hinkt. Die dritte Herausforderung besteht im Hinblick auf Verteilungseffekte. Da sich der handelbare Teil der Weltwirtschaft (also Güter und Dienstleistungen, die in einem Land erzeugt und in einem anderen verbraucht werden) ausdehnt, weitet sich auch der Wettbewerb hinsichtlich ökonomischer Aktivitäten und Arbeitsplätze aus. Davon sind auch der Preis der Arbeit und die Bandbreite der Beschäftigungsmöglichkeiten in allen global integrierten Ökonomien betroffen. Teile der Bevölkerung profitieren und andere verlieren - natürlich in Relation zu den Erwartungen und oftmals auch absolut. Viele Industrieländer - eigentlich die meisten - waren mit einem begrenzten Wachstum des mittleren Einkommens konfrontiert. In einigen europäischen Ländern, wo die Einkommensungleichheit nicht aus dem Ruder läuft, war dies Teil einer bewussten Strategie zur Erhaltung des Beschäftigungswachstums und der Wettbewerbsfähigkeit im handelbaren Teil der Wirtschaft, wobei die Lohnzurückhaltung teilweise in allen Einkommenssegmenten geübt wurde. In den Vereinigten Staaten stieg die Einkommensungleichheit an, da das obere Ende des Einkommens- und Ausbildungsspektrums von der Globalisierung profitiert, während der Rest mit sinkenden Beschäftigungsmöglichkeiten im handelbaren Sektor konfrontiert ist. Durch die Schaffung von Arbeitsplätzen in den nicht handelbaren Sektoren wurde in den zwei Jahrzehnten vor der Krise des Jahres 2008 das Beschäftigungsniveau erhalten - und der Abwärtsdruck auf die Einkommen gemildert. In einigen Fällen äußerte sich diese Entwicklung in Form eines rapiden Wachstums des Staatsapparates. In anderen Fällen - wie in den USA - unterstützte die Veränderung der Beschäftigungssituation in Richtung (nicht handelbarer) Dienstleistungen und Bautätigkeiten einen exzessiven, von Schulden getriebenen Verbrauch. Tatsächlich waren in den USA zwischen 1990 und 2008 Staat und Gesundheitswesen (beide größtenteils nicht handelbar) für fast 40 Prozent des Nettobeschäftigungswachstums verantwortlich. Diese Entwicklung fand mit der Finanzkrise 2008 ein abruptes Ende. Die Fremdfinanzierung im privaten Sektor wurde geringer. Im öffentlichen Sektor erreichte - und überschritt - sie tragbare Grenzen, wobei Griechenland nur das extremste Beispiel ist. Aber die aufgrund der Wachstumsmuster vor der Krise entstandenen Erwartungen verändern sich langsam. Weil die vorherrschende Meinung immer noch besagt, dass der Zeitraum vor der Krise normal war - zumindest hinsichtlich der Wachstumsmuster in der Realwirtschaft - besteht die wahrgenommene Herausforderung nun darin, das Wachstum auf Basis dieses Vorkrisenmusters wiederherzustellen. Das erklärt allerdings nicht, warum das Wachstum vor allem in den Industrieländern stagniert und die Beschäftigungslokomotiven größtenteils ausgefallen sind.. Ein Teil der Antwort liegt in den lang anhaltenden Auswirkungen von Finanzkrisen und der Entschuldung, wie dies Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrem Buch Dieses Mal ist alles anders sehr gut darlegen. Gleichzeitig verzögern die einer Krise vorangehenden finanziellen Ungleichgewichte und Verzerrungen auch die angemessenen und notwendigen Antworten auf technologische und globale Marktkräfte in der Realwirtschaft. Kurzum: Ökonomien und Politik passten sich in einer untragbaren Weise an und verschleiern bis zu einem gewissen Grad die Notwendigkeit einer nachhaltigeren Anpassung. Was bedeutet es nun - für den Einzelnen, für Firmen und Regierungen - dass Strukturanpassungen immer weiter hinter jene globalen Kräfte zurückfallen, die den Druck für einen Strukturwandel begründen? Vor allem hießt es, dass die Erwartungen krass von der Realität abweichen und daher angepasst werden müssen, in manchen Fällen nach unten. Aber Verteilungseffekte sind ernst zu nehmen und müssen angegangen werden. Die Belastungen einer schwachen oder nicht existierenden Erholung sollte nicht von den Arbeitslosen, einschließlich der Jungen getragen werden. Im Interesse des sozialen Zusammenhalts, ist die Marktsituation zu verändern, um eine gleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Leistungen sowohl im Moment als auch in intertemporaler Hinsicht herzustellen. Schließlich implizieren zu geringe Investitionen in der Gegenwart verminderte Chancen in der Zukunft. Das Gebot struktureller Anpassungen bedeutet auch, dass Einzelpersonen, Staaten und andere Institutionen (vor allem Schulen) ihr Augenmerk auf raschere Anpassungen legen müssen, um den sich rasch verändernden Marktbedingungen Rechnung zu tragen. Man muss sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite der Arbeitsmärkte im Auge behalten. Das bedeutet, nicht nur die Qualifikationen den Arbeitsplätzen anzupassen, sondern auch die Bandbreite der Arbeitsplätze zu erweitern, um den Qualifikationen gerecht zu werden. Schließlich müssen sich globale Institutionen des Wirtschaftsmanagements der Frage widmen, ob die Globalisierung und der damit verbundene Strukturwandel schneller vonstatten geht, als sich Einzelne, Ökonomien und Gesellschaften anpassen können, um dieser Entwicklung standzuhalten. Wenn dem so ist, besteht die nächste Herausforderung darin, konstruktive Möglichkeiten zu finden, um die Geschwindigkeit senken und damit die Kluft zwischen Fähigkeit und Notwendigkeit zur Anpassung zu verringern. Nichts davon wird leicht sein. Momentan verfügen wir über keine gut entwickelten Grundlagen zum Verständnis des Strukturwandels. Dennoch erwarten Arbeitslose und gering Beschäftigte, vor allem unter den jungen Menschen, von ihren Politikern und Institutionen, dass sie es versuchen.
Copyright: Project Syndicate, 2011.
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