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Milton Friedman entzaubert: Ohne Staat kein Markt

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von Dani Rodrik | 11.10.2011 | 22:10

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Milton Friedman entzaubert: Ohne Staat kein Markt

Der große Ökonom Milton Friedman zog eine zu scharfe Grenze zwischen Staat und Markt. Erfolgeiche Ökonomien sind eine Mischung aus beiden, das zeigt sich heute.

Dani Rodrik

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Dani Rodrik
Dani Rodrik ist Professor für internationale politische Ökonomie an der Universität Harvard und Verfasser des Buchs Das Globalisierungsparadox: Die Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft.

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Märkte sind integraler Bestandteil einer Marktwirtschaft so wie Zitronen integraler Bestandteil von Limonade sind.

Zitiert

Im Gefolge einer Finanzkrise, die ihre Ursachen zu einem nicht geringen Teil im allzu freien Spiel der Finanzmärkte hatte, kämpft die Welt leider noch immer mit dieser Blindheit.

Cambridge. Im nächsten Jahr wäre Milton Friedman 100 Jahre alt geworden. Friedman war einer der führenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts, ein Nobelpreisträger, der bedeutende Beiträge zu Geldpolitik und Konsumtheorie lieferte. In Erinnerung bleiben wird er allerdings in erster Linie als Visionär, der den Anhängern des freien Marktes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die intellektuelle Munition lieferte und als graue Eminenz hinter der dramatischen Wendung, die die Wirtschaftspolitik nach 1980 nahm.

Zu einer Zeit, da die Marktskepsis um sich griff, erklärte Friedman in klarer, leicht verständlicher Sprache, dass Privatunternehmen das Fundament wirtschaftlichen Wohlstandes bilden. Alle erfolgreichen Volkswirtschaften sind auf Sparsamkeit, harter Arbeit und Eigeninitiative aufgebaut. Er wandte sich gegen staatliche Regulierungen, die das Unternehmertum behindern und die Märkte beschränken. Was Adam Smith dem 18. Jahrhundert war, bedeutete Milton Friedman für das 20. Jahrhundert.

Milton Friedman: Von Reagan bis China

Als Friedmans bahnbrechende Fernsehreihe „Free to Choose" 1980 ausgestrahlt wurde, befand sich die Weltwirtschaft inmitten einzigartiger Umwälzungen. Inspiriert durch Friedmans Ideen, machten sich Ronald Reagan, Margaret Thatcher und viele andere Regierungschefs daran, die in vielen vorangegangenen Jahrzehnten aufgebauten staatlichen Beschränkungen und Regulierungen zu demontieren.

China rückte von seiner Planwirtschaft ab und ermöglichte florierende Märkte - zunächst im Bereich landwirtschaftlicher Produkte und schließlich bei den Industriegütern. Lateinamerika baute seine Handelsschranken drastisch ab und privatisierte staatliche Unternehmen. Als im Jahr 1990 die Berliner Mauer fiel, herrschte kein Zweifel in welche Richtung sich die ehemaligen Planwirtschaften bewegen würden: hin zu einer freien Marktwirtschaft.

Aber Friedman hinterließ auch ein weniger gelungenes Vermächtnis. In seinem Eifer, die Macht der Märkte voranzutreiben, zog er eine zu scharfe Grenze zwischen Markt und Staat. Tatsächlich präsentierte er den Staat als Feind des Marktes. Dadurch machte er uns blind für die offenkundige Realität, dass erfolgreiche Ökonomien in Wahrheit eine Mischung aus beidem sind. Im Gefolge einer Finanzkrise, die ihre Ursachen zu einem nicht geringen Teil im allzu freien Spiel der Finanzmärkte hatte, kämpft die Welt leider noch immer mit dieser Blindheit.

Märkte erschaffen sich nicht selbst

Aus der Friedman'schen Perspektive werden die institutionellen Voraussetzungen der Märkte nämlich krass unterschätzt. Man lasse den Staat einfach nur Eigentumsrechte und Verträge durchsetzen und - Simsalabim! - schon entfalten die Märkte ihre magischen Kräfte. Tatsächlich aber sind die für moderne Ökonomien notwendigen Märkte, nicht selbsterschaffend, selbstregulierend, selbststabilisierend oder selbstlegitimierend. Die Staaten müssen in Transport- und Kommunikationsnetze investieren; Informationsasymmetrien, Externalitäten und ungleichen Verhandlungspositionen entgegenwirken; Finanzpaniken und Rezessionen abmildern und auf populäre Forderungen nach Sicherheitsnetzen und Sozialversicherungen reagieren.

Märkte sind integraler Bestandteil einer Marktwirtschaft so wie Zitronen integraler Bestandteil von Limonade sind. Reiner Zitronensaft ist fast nicht genießbar. Um eine gute Limonade zu machen, muss man Zitronensaft mit Wasser und Zucker mischen. Wenn man natürlich zu viel Wasser in die Mischung gibt, verdirbt man die Limonade ebenso wie zu viel staatliche Einmischung die Märkte funktionsuntüchtig werden lässt. Der Trick dabei ist, nicht auf Wasser und Zucker zu verzichten, sondern das richtige Mischungsverhältnis zu erzielen. Hongkong, das Friedman als Beispiel einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft hochhielt, bleibt die Ausnahme der gemischtwirtschaftlichen Regel - und selbst dort hat die Regierung eine große Rolle bei der Bereitstellung von Grund und Boden für den Wohnungsbau gespielt.

Das Bild, das den meisten Menschen von Friedman in Erinnerung bleiben wird, ist das eines freundlichen, kleinen und bescheidenen Professors, der in seiner Fernsehsendung einen Bleistift in die Kamera hielt, um die Macht des Marktes zu demonstrieren. Friedman sagte, es bedürfe tausender Menschen auf der ganzen Welt, um diesen Bleistift herzustellen - Graphit muss abgebaut, Holz gefällt, die Bestandteile zusammengefügt und das Endprodukt auf den Markt gebracht werden. Keine zentrale Behörde koordinierte die Aktionen der Menschen. Diese Leistung wurde durch die magischen Kräfte des freien Marktes und des Preissystems erbracht.

China hat den speziellen Mix

Mehr als 30 Jahre danach gibt es noch eine interessante Schlusswendung zur Bleistift-Geschichte (die tatsächlich auf einem Artikel des Ökonomen Leonard E. Read basierte). Heute werden nämlich die meisten der weltweit verwendeten Bleistifte in China produziert - in einer Volkswirtschaft, die einen speziellen Mix aus Privatunternehmertum und staatlichen Direktiven darstellt.

Ein Friedman dieser Tage würde vielleicht fragen, wie es China geschafft hat, die Bleistift-Industrie - wie so viele andere - zu beherrschen. In Mexiko und Südkorea befinden sich bessere Graphit-Abbaugebiete. In Indonesien und Brasilien gibt es reichere Holzbestände. Deutschland und die USA verfügen über bessere Technologie. China hat zwar viele billige Arbeitskräfte, aber die gibt es auch in Bangladesh, Äthiopien und vielen anderen bevölkerungsreichen Niedriglohnländern.

Zweifellos ist dieser Erfolg größtenteils der Initiative und harten Arbeit der chinesischen Unternehmer und Arbeiter zu verdanken. Aber die Bleistift-Geschichte von heute wäre nicht vollständig ohne die Erwähnung staatlicher chinesischer Firmen, die ursprünglich in Technologie und Ausbildung investierten; einer lockeren Waldwirtschaftspolitik, aufgrund derer die Preise künstlich niedrig gehalten wurden; sowie großzügiger Exportförderungen und staatlicher Interventionen auf den Devisenmärkten, die den chinesischen Produzenten einen bedeutenden Kostenvorteil verschaffen. Der chinesische Staat hat seine Firmen subventioniert, geschützt und zu rascher Industrialisierung angespornt und dadurch die globale Arbeitsteilung zu seinen Gunsten geändert.

Friedman selbst hätte diese staatliche Politik bedauert. Die zehntausenden Arbeiter in den chinesischen Bleistiftfabriken wären jedoch höchstwahrscheinlich arme Bauern geblieben, wenn der Staat die Marktkräfte nicht angestupst hätte. Angesichts des wirtschaftlichen Erfolgs Chinas fällt es schwer, den Beitrag staatlicher Industriepolitik in Abrede zu stellen.

Die Anhänger des freien Marktes behalten ihren sicheren Platz in der Geschichte der ökonomischen Theorie. Aber Denker wie Friedman hinterlassen ein zwiespältiges und rätselhaftes Vermächtnis, weil in der Wirtschaftsgeschichte die Interventionisten dort erfolgreich bleiben, wo es wirklich darauf ankommt.

Copyright: Project Syndicate, 2011.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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1 Kommentar

es ist immer ganz einfach,.....

...hinten nach gescheit zu sein.
wann hat eigentlich milton friedmann seine thesen veröffentlicht?
ich habe als student anfang der siebziger jahre des vorigen jahrhunderts sein buch "inflatiooooooooon" (als taschenbuch!) gerne gelesen, weil es das einzige volkswirtschaftsbuch gewesen war, das ohne verschwurbelte fachtermini und unverständliche mathematische modelle ausgekommen ist. aber ich habe es damals verstanden, aus der zeit heraus!

Von Gast: Gast: Gast am 12.10.2011 um 17:47

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