Dienstag, 22. Mai 2012 a  
Dialog-backdrop
Artikel versenden

Soros: Deutschland muss den Euro verteidigen

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. m.mustermann@wb.com). Mehrere Empfänger werden durch Komma getrennt.

von George Soros | 11.08.2011 | 21:15

A- A A+ Drucken Artikel weiterempfehlen zu den Kommentaren

Soros: Deutschland muss den Euro verteidigen

Der Grand Signeur der Finanzwelt vermutet, dass Deutschlands Zögern dessen eigenes Triple-A-Rating in Gefahr bringen könnte. 

George Soros

George Soros meint, dass Deutschland nun die Führung in Europas Schuldenpolitik übernehmen muss

Facts

George Soros
George Soros ist Chairman von Soros Fund Management und vom Open Society Institute.

Zitiert

Deutschland und die übrigen Mitglieder des Euroraums mit AAA-Ratings werden entscheiden müssen, ob sie bereit sind, ihre eigene Kreditwürdigkeit aufs Spiel zu setzen

New York. Die Finanzmärkte verabscheuen Ungewissheit; das ist der Grund, warum sie sich jetzt im Krisenmodus befinden. Die Regierungen des Euroraums haben zur Lösung der Eurokrise einige wichtige Schritte in die richtige Richtung unternommen, sind aber offensichtlich nicht weit genug gegangen, um die Märkte zu beruhigen.

Auf ihrer Sitzung am 21. Juli setzten die europäischen Behörden eine Reihe halbherziger Maßnahmen um. Sie etablierten den Grundsatz, dass ihre neue Fiskalvertretung, die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), für Solvenzprobleme verantwortlich sein soll, aber sie versäumten es, deren Umfang zu erhöhen. Eine glaubwürdige Fiskalbehörde für den Euroraum wurde so nicht geschaffen. Und der neue Mechanismus wird frühestens im September einsatzbereit sein. In der Zwischenzeit ist die Bereitstellung von Liquidität durch die europäische Zentralbank die einzige Möglichkeit, um einen Kurszusammenbruch der von mehreren europäischen Ländern ausgegebenen Anleihen zu verhindern.

Genauso weiteten die Führer des Euroraums die Kompetenz der EFSF im Umgang mit der Solvenz der Banken aus, aber gingen nicht so weit, die Bankenaufsicht von den nationalen Behörden auf eine europäische Institution zu übertragen. Und sie boten Griechenland ein erweitertes Rettungspaket an, ohne überzeugend darzulegen, dass die Rettung Erfolg haben kann: Sie arrangierten die Beteiligung der Anleihegläubiger am griechischen Rettungspaket, aber von der Regelung profitierten die Banken stärker als Griechenland.

Vielleicht am beunruhigendsten ist, dass Europa endlich den Grundsatz anerkannt hat - dem der IWF schon lange folgt -, dass Länder in Rettungsprogrammen keine Strafzinsen zahlen sollten, ohne diesen Grundsatz jedoch auf Länder auszuweiten, die noch nicht in Rettungsprogramme aufgenommen wurde. Infolgedessen müssen Spanien und Italien viel höhere Zinsen für ihre eigenen Kredite zahlen, als sie von Griechenland erhalten. Dies gibt ihnen das Recht, bei der Rettung Griechenlands nicht mitzumachen, was die Aussichten erhöht, dass das Paket auseinanderfällt. Die Finanzmärkte, die diese Möglichkeit erkannten, hoben daraufhin den Risikoaufschlag für spanische und italienische Anleihen auf ein nicht zu bewältigendes Niveau an. Die Intervention der EZB half, aber löste das Problem nicht.

Zusammenbruch ohne Eurobonds

Die Situation wird zunehmend unhaltbar. Die Behörden versuchen, sich Zeit zu erkaufen, aber die Zeit läuft ab. Die Krise steuert mit großer Geschwindigkeit auf ihren Höhepunkt zu.

Deutschland und die übrigen Mitglieder des Euroraums mit AAA-Ratings werden entscheiden müssen, ob sie bereit sind, ihre eigene Kreditwürdigkeit aufs Spiel zu setzen, um es Spanien und Italien zu gestatten, ihre Anleihen zu vernünftigen Zinsen zu refinanzieren. Alternativ werden Spanien und Italien unerbittlich in Rettungsprogramme getrieben. Kurz gesagt, Deutschland und die anderen Länder mit AAA-Anleiheratings müssen einem wie auch immer gearteten Eurobondregime zustimmen. Andernfalls bricht der Euro zusammen.

Man sollte berücksichtigen, dass ein ungeordneter Zahlungsausfall oder Ausstieg aus dem Euroraum selbst durch ein kleines Land wie Griechenland eine Bankenkrise auslösen würde, die mit jener, die die Große Depression verursachte, vergleichbar wäre. Die Frage ist nicht länger, ob sich eine gemeinsame Währung lohnt. Der Euro existiert, und sein Zusammenbruch würde dem Bankensystem unkalkulierbare Verluste zufügen würde. Die Entscheidung, vor der Deutschland steht, ist also eher scheinbarer als realer Natur - und es ist eine Entscheidung, deren Kosten steigen werden, je länger Deutschland sie verzögert.

Nach Lehman Brothers kam der Fehler

Die Eurokrise hatte ihren Ursprung in der im Gefolge des Zahlungsausfalls von Lehman Brothers im September 2008 getroffenen Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, für weitere Zahlungsausfälle nicht die Europäische Union, sondern jeweils die einzelnen Länder bürgen zu lassen. Und es war das deutsche Zögern, das die Griechenlandkrise verstärkte und zu der Ansteckung führte, die sie in eine Existenzkrise für Europa verwandelte.

Nur Deutschland kann die Dynamik des europäischen Zerfalls umkehren. Das wird nicht einfach: Schließlich interpretierte Merkel die Stimmung der deutschen Öffentlichkeit richtig, als sie ihre schicksalsschwere Entscheidung traf, und die innenpolitische Atmosphäre ist seitdem, was die Erteilung von Krediten an das übrige Europa angeht, nur noch ablehnender geworden.

Merkel kann den politischen Widerstand nur in einer Krisenatmosphäre überwinden, und nur in kleinen Schritten. Der nächste Schritt dürfte vermutlich eine Ausweitung der EFSF sein; doch bis es soweit ist, könnte Frankreichs AAA-Rating in Gefahr sein. Tatsächlich könnte bis zu dem Zeitpunkt, an dem Deutschland einem Eurobondregime zustimmt, sein eigenes AAA-Rating in Gefahr sein.

Deutschland muss über die Zukunft entscheiden

Der einzige Weg, wie Europa dieser Falle entgehen kann, besteht darin, in Antizipation der Reaktionen der Finanzmärkte zu handeln, statt ihrem Druck jeweils im Nachhinein stattzugeben. Dies würde eine intensive Debatte und innere Prüfung erfordern, insbesondere in Deutschland, das als größte und mit dem höchsten Rating bewertete Volkswirtschaft der EU in eine Lage gedrängt wurde, in der es über die Zukunft Europas entscheiden muss.

Dies ist eine Rolle, die Deutschland gern vermeiden wollte und die zu akzeptieren es nach wie vor nicht bereit ist. Aber Deutschland hat keine echte Wahl. Ein Zusammenbruch des Euro würde eine Bankenkrise auslösen, die die Fähigkeit der weltweiten Finanzbehörden, sie zu steuern, überfordern würde. Je länger Deutschland braucht, um dies zu erkennen, desto höher wird der Preis sein, den es zahlen muss.

Copyright: Project Syndicate, 2011.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Doolan

Kommentare… Kommentar hinzufügen…

1 Kommentar

Deutschland hat ja selber gewaltige Probleme!

D hat ja selber schon Schulden in der Höhe von 80% des BIPs und auch noch immer ein strukturelles Defizit. Das Defizit besteht trotz einer sehr schönen Hochkonjunktur und sehr geringen Zahlungen für die Zinsen.

Wenn D die höhere Zinsen brennen muss (1% mehr Zinsen bedeutet ja automatisch 0,8% mehr Defizit), dann geht es schnell. Jedes 1% mehr an Zinsen würde bedeuten, dass dem D Volk um knapp 20 Mrd. Euro mehr an Zwangsabgaben abgepresst werden muss. Es ist doch keine Frage, dass D auf jeden Fall die eigenen Zinsen niedrig halten muss. D muss die Zinsen verteidigen, nicht den Euro!

Wenn es dann in D zusätzlich noch zu einer Abschwächung der Konjunktur kommt, was sehr wahrscheinlich ist, dann wird D sofort gewaltige Probleme mit dem Defizit bekommen. Das kann bedeuten, dass auch D als Schuldner ein noch geringes Vertrauen bekommen. Dann wäre auch D in der Abwärtsspirale.

Finanzunwesen und Staatsunwesen müssen endlich unter Kontrolle gebracht werden!

Von Gast: Gast: ET am 12.08.2011 um 11:43

Beleidigend? Anstößig? Kommentar meldenAntworten

mehr Ivy League…

Umfrage

Die Krise in Griechenland schreckt Urlauber ab. Gegenüber dem Vorjahr sind die Buchungen bereits um 30 Prozent zurückgegangen. Würden Sie Ihren Sommerurlaub in Griechenland verbringen?
  • >> Zum Zwischenergebnis

Ivy-League: Meistgelesen

/images/uploads/b/7/1/519025/laidi20120521094952.jpg
 Hollande oder Aufstand?

Zaki Laïdi: Nach der Wahl François Hollandes zum französischen Präsidenten steht...

mehr Fotogalerien>

Fotogalerien 

  • HZI/Manfred Rhode
    Lebensmittel-Skandal

    Die größten Epidemien Europas

    APA
    Banküberfälle

    Die größten der letzten 20 Jahre

  • EPA
    Blond

    Blond - ein Erfolgsmodell

    EPA
    Super-Gau

    Die teuersten Naturkatastrophen...