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Das ist keine Facebook-Revolution

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von Robert Prazak | 03.02.2011 | 19:08

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Das ist keine Facebook-Revolution

Mubarak, Ben Ali, Niki Lauda: Über die Macht und Ohnmacht von Facebook und Twitter, oder warum Revolutionen immer in der echten Welt stattfinden.

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Ben Ali, ins Exil geflüchteter tunesischer Machthaber, und Niki Lauda, Prominenter mit ausgeprägter Meinung zu rein männlichen Tanzpaaren, haben eines gemeinsam: In Facebook und Twitter gab es eine Revolte gegen die beiden. Natürlich sind schwere politische Ausschreitungen und ein Machtwechsel mit Toten, verschwundenen Milliardenbeträgen und (möglicherweise auf andere Länder übergreifenden) Proteste auf den Straßen nicht mit der Privatmeinung eines ehemaligen Rennfahrers und Seitenblicke-Piloten vergleichbar - doch die Internet-Gemeinschaft (so es eine solche geben sollte) war sich wieder mal einig: Dank Social Media mussten die beiden einen Rückzieher antreten: Ben Ali nach Saudi-Arabien, Niki Lauda in eine halbherzige Entschuldigung.

Die beiden Beispiele sollen ein Beweis sein für die Macht von Facebook und Twitter. Wirklich? Schon bei den Protesten im Iran war von einer „Twitter-Revolution" die Rede gewesen, auch jetzt im Fall von Tunesien haben sich beispielsweise französische und arabische TV-Sender über Facebook informiert. Auf YouTube sind mehr als 4000 Videos mit dem Suchbegriff „Sidi Bouzid" zu finden - das ist jene Stadt in Tunesien, in der einige der heftigsten Proteste stattgefunden haben. Und auf Twitter war für einige Tage „Tunisia" einer der am öftesten gesuchten Begriffe. Und was derzeit in Ägypten passiert, läuft in eine ähnliche Richtung.

Der weißrussische Autor und Wissenschaftler Evgeny Morozov hat in einem Interview mit der taz aber davor gewarnt, das „Potenzial der sozialen Medien" zu überzeichnen. Der Einfluss des Internet werde erheblich überschätzt. Im Westen werde als Standardreaktion bei solchen Geschehnissen stets das Internet als Erklärung gesucht statt politische oder soziale Erklärungen zu suchen. Laila Lalami, eine marokkanische Autorin, die in Los Angeles lebt, meint ähnliches: „Bitte hört auf, WikiLeaks oder Twitter oder YouTube den Sturz von Ben Ali zuzuschreiben. Das hat das tunesische Volk getan."

Nun wird kaum jemand, selbst bei oberflächlicher Betrachtung, meinen, Facebook oder Twitter hätten die Revolte in Ägypten oder Tunesien ausgelöst - aber es herrscht doch eine Art Grundkonsens, ohne diese Hilfsmittel wäre das nicht möglich gewesen. Man fragt sich, wie früher Proteste organisiert werden konnten, ohne „Like"-Button und ohne Tweets. Wie konnte sich etwa in der DDR der Widerstand formieren, wo damals nicht mal ein Viertel der Menschen überhaupt ein Telefon hatte? US-Autor Malcolm Gladwell („Blink") jedenfalls sieht die DDR als Beispiel, dass für echten Protest keine Pseudo-Freundschaften und -Bekanntschaften wie in Facebook nötig sind, sondern echte Freundschaften, echtes Risiko.
Die Zugehörigkeit zu einer virtuellen Gruppe, von der man die meisten noch nie real getroffen hat, ist aber Grundelement von Social Media. Führt das zu einer Fehleinschätzung, was diese Zugehörigkeit bedeutet?

Über die Erweiterung der sozialen Netze im Internet hat im Herbst Olivier Voirol ein Essay in der Neuen Zürcher geschrieben, in der er sich auch auf die Erkenntnisse des Soziologen Georg Simmel von Anfang des 20. Jahrhunderts bezieht - der hatte schon damals von einer Vervielfachung der sozialen Kreise als prägend für die moderne Gesellschaft gesprochen. Und heute ist eine noch größere Vervielfachung zu beobachten - durch das Internet. Das besondere heute: Die Mittler zwischen den Beziehungen - also die digitalen Plattformen - weisen in ihrer inneren Organisation eine enorme Intransparenz auf. Also genau das Gegenteil dessen, was sie eigentlich propagieren. Insofern wird auch überschätzt, wie „frei" Social Media und Internet-Plattformen generell überhaupt sind - siehe China und Google. Facebook wurde ja auch nicht primär mit dem Ziel gegründet, Diktatoren zu vertreiben oder überbordenden Wirtschaftsliberalismus anzuprangern.
Oder um homophobe Aussagen anzukreiden. Die Facebook- und Twitter-User waren jedenfalls begeistert, dass sie Niki Nationale zu einem verbalen Rückzug gezwungen haben; auch wenn einige nicht ganz zu Unrecht meinten, sein Bedauern sei wohl eher eine Pseudo-Marketing-Aktion. Doch genau diese Berauschung an der eigenen Meinung, an der eigenen Darstellung, ist typisch für soziale Medien. Der Soziologe Dirk Baecker hat in einem Beitrag für die Basler Zeitung die Rückkoppelung und Selbstbeobachtung als Merkmal von Facebook bezeichnet: „Schaut euch dabei zu, wie ihr das tut, was ihr sowieso tut, und eure Begeisterung wird grenzenlos sein. Verwandelt euch, während ihr tut, was ihr sowieso tut, in Protokolle eurer selbst, und der Spaß ist garantiert", schreibt er.


Es wäre noch keine Überschätzung des Einflusses von Facebook und Twitter, wenn sie als Medien- und Meinungskanäle gesehen werden - eine Art superschneller Leserbrief, als Ersatz für den zornigen Anruf, als Kanalisierung einer Stimmung in bestimmten Gruppen. Eine Überschätzung ist es aber, wenn von der Tatsache, dass ein paar hundert oder ein paar tausend Menschen auf solchen Plattformen ihre Meinung kundtun, darauf geschlossen wird, eine Veränderung passiere nur wegen Social Media. Die Twitter-Schreiber und Facebook-Demonstranten klopfen sich auf die Schulter: Dem Lauda haben wir´s gezeigt!
In Ägypten und Tunesien sind echte Menschen gestorben, während in Nordamerika und Europa Tausende - bequem vom Schreibtisch aus - mit ihren Facebook- und Twitter-Accounts protestiert haben. Das Interesse an der Thematik hat aber schon nach einigen Tagen nachgelassen; an „heißen" Themen, potenziellen „Like it"-Kandidaten und „Favorite Tweets" aus anderen Bereichen mangelt es ja nicht. Und zum hundertsten Mal über die tunesische Opposition zu lesen, strengt doch ein bisserl an. In Tunesien aber wurde weiter protestiert, auch ohne massive Facebook- und Twitter-Begleitung. Das ist auch in Ägypten zu erwarten.

Das Image von Fly Niki habe massiv gelitten, meinen so genannte Social Media-Experten (meist PR-Junior-Berater aus der dritten Reihe). Wer sich die Leserkommentare auf krone.at oder kurier.at durchliest, mag das bezweifeln. Für den nächsten Sommerurlaub werden auch einige eifrigen Protestierer aus der Facebook- und Twitter-Community wieder mit Niki fliegen - später können sie ja ihren „Freunden" gleich schreiben, wie schlecht das Essen an Bord war. Und eine kleine Revolution starten.

 

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