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Dialog-backdrop Wirtschaftswunder: Auf der Jagd nach dem scheuen RehHerbert Geyer. Rund elf Billionen $ müssen im Laufe des Jahres die Staaten und Unternehmen der Welt refinanzieren. Doch woher soll dieses Geld kommen? Dass das Kapital ein scheues Reh ist, haben wir gelernt. Aber wo grast dieses geheimnisvolle Wesen, wenn es sich nicht in panischer Flucht vor Vermögenssteuern, sinkenden Renditen oder steigenden Pleiterisiken in den Wäldern versteckt? Oder anders gefragt: Woher sollen die gut elf Billionen $kommen, die laut einem WirtschaftsBlatt-Bericht vom Jahresanfang im Lauf dieses Jahres irgendwo herkommen müssen, um die Refinanzierungsbedürfnisse der Staaten und großen Unternehmen dieser Welt zu befriedigen? Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Ein Sechstel des Welt-BIP Tatsächlich sind elf Billionen $nicht bloß viel Geld, sie sind sehr viel Geld -auch wenn sich unsere Vorstellung von "sehr viel Geld" nach diversen Rettungspaketen -zunächst für Banken, dann für pleitegefährdete Staaten -um zwei, drei Zehnerpotenzen nach oben verschoben hat. Schließlich wird das Volumen aller weltweit erzeugten Güter und Dienstleistungen (also das Welt-BIP) auch nur auf rund 66 Billionen $geschätzt. Zur Refinanzierung der Staaten und Unternehmen wird daher heuer ein Sechstel der gesamten Weltwirtschaftsleistung benötigt. Das ist jedenfalls deutlich mehr als die jährliche weltweite Sparleistung. Es muss hier also um Geld gehen, das bereits flüssiggemacht wurde (also derzeit in anderen Geldanlagen steckt) oder das -möglichst unabhängig von der realen Wirtschaftsleistung -neu generiert wird. Das bringt uns auf die erste Spur: Die elf Billionen werden ja benötigt, um fällig werdende Schulden zu bedienen -das heißt, es soll letztlich wieder an Gläubiger ausgezahlt werden. Den elf Billionen, die irgendwo aufgetrieben werden müssen, stehen also exakt ebenfalls elf Billionen gegenüber, die eine neue Veranlagung suchen -falls nicht alle Gläubiger sich entschließen, ihr ausbezahltes Geld in ein neues Eigenheim, ein neues Auto oder in einen erholsamen Pauschalurlaub zu investieren (was weltweit den Kauf von rund 100Millionen Häusern, einer halben Milliarde Autos oder für jeden Erdenbewohner fünf Tage Erholung am Strand bedeuten würde). Da das technisch unmöglich ist, werden sich also die meisten Gläubiger um eine neue Veranlagung umsehen müssen -wobei neue Anleihen durchaus als Möglichkeit naheliegen, weil der Gesamtwert aller börsenotierten Unternehmen weltweit etwa nur das Dreifache der elf Billionen ausmacht. Eine Verlagerung auf dem Aktienmarkt würde daher dort zu gewaltigen Preissteigerungen führen, weshalb die bisherigen Aktienbesitzer in andere Werte -wieder vor allem Anleihen -fliehen müssten. Das Geld kommt von der Bank Wer aber sind die Glücklichen, die heuer elf Billionen $erwarten dürfen? Im direkten Besitz privater Anleger dürfte sich nur ein geringer Teil der ausgegebenen Anleihen befinden -auch wenn zwei "Staatsanleihentage" in Italien einen zweistelligen Milliardenbetrag aus privatem Spargeld erbrachten. Mit dieser Aktion wollten Italiener ihrem schuldengeplagten Staat aus der Patsche helfen. Indirekt sind private Sparer aber doch ein beträchtlicher Kundenstock: Gemischte und Anleihenfonds erfreuen sich nach einer Flaute vor der Krise jetzt wieder steigender Beliebtheit, weil die Renditen deutlich zugelegt haben. Vor allem Papiere hoch gerateter Schuldner sind auch bei Versicherungen, Pensionsfonds und überall sonst, wo es darauf ankommt, Geld sicher anzulegen, als mündelsichere Wertanlage beliebt -auch mangels ähnlich sicherer Alternativen. Den weitaus größten Stock an Bonds dürften aber die Banken halten. Ein Indiz dafür sind auch die jüngsten Verkaufserfolge kurzfristiger Anleihen, für die ganz offensichtlich die halbe Billion € verantwortlich war, die die EZB vor Weihnachten zu günstigsten Konditionen für drei Jahre über die Bankenlandschaft ausschüttete. Das Geld zu diesen Konditionen nicht zu nehmen, konnte sich praktisch keine europäische Bank leisten -und jetzt muss es halt irgendwo eingesetzt werden. Daher der Run auf Kurzläufer, aber auch das Rekordhoch der Bankeneinlagen bei der EZB, wo viel Geld geparkt wird, das erst zu einem späteren Zeitpunkt sinnvoll eingesetzt werden kann. Zentralbanken als Käufer Ein bedeutender Player auf dem Bondmarkt sind aber auch die Zentralbanken selbst. Zum einen -ganz klassisch -legen sie einen Teil ihrer Devisenreserven in Bonds an. Bekannt ist ja, dass die Bank of China einen beträchtlichen Teil ihrer drei Billionen an Währungsreserven in Form von US-Treasuries hortet, um den Dollar gegenüber dem Yuan zu stützen. Aber auf der anderen Seite des großen Teichs gehört auch die US-Notenbank Fed zu den großen Aufkäufern. Dass durch Bondkäufe in eigener Währung das Budgetdefizit de facto durch frisch gedrucktes Geld bezahlt wird, stößt vielen Puristen sauer auf -tatsächlich könnten sich die USA aber nie und nimmer so günstig refinanzieren, träte nicht die eigene Notenbank als großer Anleihenkäufer auf. Schließlich macht ja jetzt auch die EZB nicht wirklich etwas anderes, wenn sie die Banken mit Geld flutet -im Wissen, dass diese dann nahezu gezwungen sind, zumindest einen Teil dieses Geldes in Bonds zu veranlagen. Zweckentfremdete Hilfe Ein Teil der verborgten Milliarden landet freilich offenbar auch auf anderen Märkten: Wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) feststellt, ist das tägliche (!) Handelsvolumen auf dem Devisenmarkt von 2007 auf 2010 um 20 Prozent auf vier Billionen $angewachsen -aufs Jahr hochgerechnet sind das fast 1000 Billionen $, eine Trillion. Da hinter diesem Anstieg während der Wirtschaftskrise nicht ein größerer Devisenbedarf infolge gestiegener Exporttätigkeit stehen kann, muss der Grund wohl woanders liegen. Da das scheue Reh auf diesen Märkten oft binnen Millisekunden die Seiten wechselt, ist es nicht ganz einfach, seiner habhaft zu werden. Eine internationale Transaktionssteuer könnte aber doch das eine oder andere Rehlein einfangen und für die Tilgung von Staatsschulden dienstbar machen. Die BIZ-Statistik macht freilich auch klar, warum es so schwer ist, sich wenigstens innerhalb Europas auf eine solche Steuer zu einigen: Von den weltweiten Devisenumsätzen (und daher auch den dafür bezahlten Gebühren) fallen 37,6 Prozent in Großbritannien an, weitere knapp 30 Prozent in den USA.
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