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Wirtschaftswunder: Wachstumsfantasien hinter dem Vorhang

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von Beatrice Bösiger | 30.01.2012 | 08:28

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Wirtschaftswunder: Wachstumsfantasien hinter dem Vorhang

Beatrice Bösiger. Extensives Wachstum brachte in der UdSSR geringe Erträge. Wirtschaftliche Reformen kamen zu spät.

Beatrice Bösiger

Abwartend und auch etwas skeptisch waren die Reaktionen im befreundeten und etwas weniger befreundeten Ausland auf die Rede Michail Gorbatschows. Auf der Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) am 27. Januar 1987 - vor 25 Jahren - hatte der Parteichef zum ersten Mal die Bereitschaft zu umfassender Reformpolitik verkündet. Dazu gehörte unter anderem eine Änderung des Wahlrechts. Künftig sollten die einzelnen Parteikomitees mehrere Kandidaten für ein Amt vorschlagen und diese dann in einer geheimen Wahl gewählt werden - konträr zur gängigen Praxis, bei der Funktionäre hinter verschlossenen Türen durch Handheben gewählt wurden.

Etwas weniger Beachtung, vor allem in ausländischen Medien, fanden dagegen die Reformen, die der Generalsekretär in der Wirtschaft versprach. So hätten in den Schlüsselbereichen seit Jahrzehnten keine ernsthaften Veränderungen stattgefunden. Gorbatschow: „Die theoretischen Konzepte des Sozialismus sind weitgehend auf dem Niveau der 30er- und 40er-Jahre geblieben, während die Gesellschaft völlig andere Aufgaben hatte." Die Sowjetunion habe gar keine andere Wahl, als den eingeschlagenen Weg des Umbaus weiterzugehen.

Mehr ist besser

Die offizielle UdSSR hatte jedoch nicht immer eine solch pessimistische Sicht auf die eigene Wirtschaft. Hinter dem Eisernen Vorhang herrschte Wachstum - zentral geplant und von oben verordnet. Gemessen wurde der Erfolg einzig an der Anzahl der während eines Jahres produzierten Güter. Weder Geld noch der erwirtschaftete Profit zählten am Jahresende. Die Planer in Moskau hatten eine einfache Wahrheit zu beherzigen: Mehr ist besser als weniger. Festgelegt wurden die zu erreichenden Ziele durch das staatliche Komitee für Planung der UdSSR, Gosplan.
Die Betonung des Wachstums ging nicht zuletzt mit einem Wechsel der politischen Ausrichtung nach Stalins Tod 1953 einher. Nicht mehr militärisch, sondern wirtschaftlich wollte man den Kapitalismus (vor allem die USA) besiegen: In sieben Jahren werde die UdSSR das wirtschaftliche Niveau der USA erreichen, versicherte der damalige Parteichef Nikita Chruschtschow 1959 dem US-Vizepräsidenten Richard Nixon. Eingegangen in die Geschichtsbücher ist das Treffen der beiden Politiker nicht zuletzt der sogenannten „Küchendebatte" wegen: Auf der „American National Exhibition" in Moskau wollte Nixon den Parteisekretär mit den Errungenschaften des Kapitalismus beeindrucken - darunter einer modernen Küche.

Planmäßiges Plus

Und die ab Mitte der 50er-Jahre aus Moskau gemeldeten Produktionszahlen und der sichtbare technologische Fortschritt - im Oktober 1957 startete die UdSSR den ersten Sputnik-Satelliten - waren durchaus dazu angetan, den westlichen Regierungen Kopfschmerzen zu verursachen. Mit schöner Regelmäßigkeit wurden jedes Jahr an die zehn Prozent Wirtschaftszuwachs aus dem Kreml gemeldet.
Das erweckte auch das Interesse der 1947 gegründeten CIA. Der Auslandsgeheimdienst der USA verwendete einen großen Teil seiner wissenschaftlichen Ressourcen darauf, die sowjetische Produktion zu analysieren. Gar „als wichtigsten Forschungsjob der USA überhaupt" bezeichnete Max Millikan, erster Direktor der Research-Abteilung der CIA (ORR), das Studium der sowjetischen Wirtschaft.
Obwohl in den Berichten der CIA die Wachstumszahlen der UdSSR längst nicht so glänzten wie in den offiziellen Statistiken des Kremls - rund sieben Prozent Wachstum -, kommen zeitgenössische Berichte zum Ergebnis, dass die Daten mehr oder weniger akkurat aufgenommen wurden - die Grundlage einer funktionierenden Planwirtschaft, folgerten die Analysten damals daraus.

Schon schwieriger gestaltete sich für die Geheimdienstler jedoch der Vergleich der sowjetischen mit den eigenen Wirtschaftsdaten. Denn wo Letztere Wachstum als Bruttoinlandsprodukt messen, führte die UdSSR als Indikator das „Net Material Product" (NMP) ein. Anders als beim BIP, das sich auch auf den Dienstleistungssektor bezieht, beschränkt sich das NMP allein auf die verschiedenen Sektoren der Produktion - getreu der Devise, dass sich Fortschritt am besten in der Anzahl der produzierten Güter manifestiert. Berechnet wird das NMP, vereinfacht ausgedrückt, indem vom Wert des insgesamt erzielten Outputs die Produktionskosten subtrahiert werden. Um das sowjetische Wachstum als Bruttoinlandsprodukt wiederzugeben, musste die CIA die NMP-Statistiken unter anderem nach Mehrfacheinträgen durchforsten - zum Beispiel Stahl, der einmal als unverarbeiteter Rohstoff und dann noch ein einmal als verarbeiteter Teil eines Autos gezählt wurde.

Geringer Ertrag

Was aus dem Vorhaben der 60er-Jahre, die Auseinandersetzung zwischen den Systemen auf wirtschaftliche Art und Weise zu entscheiden, geworden ist, hat der Verlauf der Geschichte gezeigt. Bereits 1963 sank das Wachstum der UdSSR auf 2,5 Prozent des BIP, in den 80er Jahren sah die CIA gar nur noch ein Wachstum von 1,4 Prozent. Dazu beigetragen hat unter anderem die stagnierende Produktion. Um trotzdem am Ende des Jahres den Output steigern zu können, musste immer mehr Kapital investiert werden, was schlussendlich zu einer Erschöpfung der Ressourcen führte. Eine Studie der Weltbank von 1994 hält zwar fest, dass auch andere Volkswirtschaften wie Japan und Korea auf solch extensivem Wachstum beruhten, und das durchaus erfolgreich. Bemerkenswert an der sowjetischen Erfahrung sei jedoch der absolut geringe Ertrag.

Damit kamen die wirtschaftlichen Reformen, die Michail Gorbatschow vor 25 Jahren das erste Mal forderte, zu spät. Ebenso zu spät mit ihren Prognosen kamen dann auch die ausländischen Geheimdienste, die vom raschen wirtschaftlichen Zusammenbruch der Sowjetunion überrascht wurden: Schon in der Plenarsession des Zentralkomitees 1988 hatte Michail Gorbatschow zugegeben, dass abgesehen von höheren Preisen für russisches Öl und Wodka-Verkäufen, die russische Wirtschaft in den vergangenen 20 Jahren überhaupt nicht gewachsen sei.

 

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3 Kommentare

Wie lügen wir uns heute an?

Auch in der EU gab es doch kein wirkliches Wachstum, gewachsen ist doch nur das BIP, welches eine synthetische Kennzahl ist!

Wie wir uns, in Eurozone, selber anlügen, das zeigen folgende Daten sehr deutlich.

1) Industrieproduktion in der Gesamtindustrie ohne Baugewerbe im Euro-Raum (saisonbereinigt, reale Werte).

Basis 2005 = 100%
2001: 96,3%
2002: 96,1%
2003: 96,4%
2004: 98,5%
2005: 100%
2006: 104,2%
2007: 108,3%
2008: 106,5%
2009: 90,8%
2010: 97,5%
2011: 101,5% (9 Monate)

Es wurde also ein bereinigtes Wachstum in 10 Jahren von gerade einmal 5,4% geschaffen. Wenn man sich klar macht, dass die 2011 noch eine Hochkonjunktur war, und das Bevölkerungswachstum auch berücksichtigt, dann ist auch sichtbar, dass es eben kein wirkliches Wachstum gab! Die nominellen BIP Steigerungen in der Eurozone waren doch reine Kostensteigerung der staatlichen Dienstleistungen = Schuldenproblematik.

Von Gast: Gast: ET am 30.01.2012 um 12:10

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Re: Im Baugewerbe schaut es noch trauriger aus!

2) Die Daten zum Baugewerbe:

Basis 2005 = 100%
2001: 95,7%
2002: 96,4%
2003: 97,4%
2004: 97,6%
2005: 100%
2006: 103,4%
2007: 105,1%
2008: 99,7%
2009: 91,9%
2010: 84,5%
2011: 83,2% (9 Monate)

Da gab es in den letzten 10 Jahren sogar eine reale Schrumpfung von satten 13%

Würde man noch die gestiegene Bevölkerungszahl berücksichtigen, dann wären die Daten noch dramatischer!

Es ist aber so, dass wie ein Wachstum am Verbrauch haben und ein Wachstum der Kosten in der Gesellschaft haben. Beim Verbrauch haben wir eine gewaltige Disbalance zur Ökologie, bei den Kosten ökonomische innerhalb der Gesellschaft.

Wir sollten nur machen was uns, als Gesellschaft, wirklich weiterbringt.

Auch in Europa haben wir eine Planwirtschaft bestehend aus großen geschützten Bereichen, einem Förderwahnsinn und dem Ruhegenusswahnsinn. Europa zeigt die gleichen negative Phänomene wie die UdSSR, weil Europa nur von Planwirtschaftlern regiert wird. Es muss eine Mangelwirtschaft sein!

Von Gast: Gast: ET am 30.01.2012 um 12:14

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Re: Re: Datenquelle

http://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/52.html

Von Gast: Gast: ET am 30.01.2012 um 12:15

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