von Herbert Geyer | 13.02.2012 | 02:57
Zum Thema Börse: Dr. Sommer antwortet
Herbert Geyer. Wirtschaftswunder. Dr. Sommer aus dem „Bravo“ ist das heimliche Vorbild aller Lebensberater.
Dr. Jochen Sommer, der seit 1969 im Jugendmagazin „Bravo" jene Fragen von Jugendlichen beantwortet, die sie sich sonst niemandem zu stellen trauen, ist das heimliche Vorbild aller Lebensberater. Da spielt es auch keine Rolle, dass es selbst bei „Bravo" nie einen Dr. Sommer gegeben hat. Dort leiht ein ganzes Team aus Experten aller möglichen Fachrichtungen dem Dr. Sommer (der jetzt wohl schon jenseits der 70 sein müsste) die Feder.
Nun - auch bei uns gibt es nicht wirklich einen Dr. Sommer. Aber trotzdem freuen wir uns, dass auf unsere beiden Folgen zum Thema Börse mehrere Leser mit konkreten Fragen nach einer Fortsetzung riefen. Nun denn: Dr. Sommer antwortet.
Vorzugsaktien. Wie kommt es, dass Stamm- und Vorzugsaktien ein und desselben Unternehmens unterschiedliche Kurse haben?
Manche Unternehmen geben unterschiedliche Aktien aus - „normale" Aktien (Stammaktien) mit allen Rechten, die ein Aktionär üblicherweise hat (insbesondere Mitbestimmungsrechte und Gewinnbeteiligung) und „Vorzugsaktien", die in der Regel kein Stimmrecht haben, dafür aber bei der Gewinnauszahlung bevorzugt werden.
Diese beiden Aktien können höchstens zufällig denselben Wert haben: Zum einen repräsentieren eine Stamm- und eine Vorzugsaktie nicht zwingend denselben Unternehmensanteil, zum anderen hat eine Vorzugsaktie (die ja mehr Gewinn auszahlt) in der Regel eine höhere Dividendenrendite. Die Kurse werden daher in der Regel unterschiedlich sein. Jedenfalls sollten sich aber Stamm- und Vorzugsaktien stets parallel entwickeln.
Wer hat Anspruch auf eine Dividende? Reicht es, eine Aktie einen Tag vor dem Dividendenzahltag zu kaufen?
Entscheidend ist, wer am jeweiligen Dividendenstichtag (ist in der Regel nicht identisch mit dem Zahltag) die Aktie in seinem Depot hat. Für den Dividendenbezug genügt es also, die Aktie am Abend des Stichtages zu kaufen. Man könnte sie auch bereits am nächsten Morgen wieder verkaufen - das wäre aber jedenfalls ein Verlustgeschäft, da sich der Wert der Aktie durch die Dividendenzahlung in der Regel um den Betrag der Dividende verringert. Und ein Viertel dieser Differenz gehört ja dem Finanzminister.
Wie entsteht der Dividendenabschlag nach dem Stichtag? Auch über Angebot und Nachfrage?
Ja. Auf „sichere" Ereignisse (was ist an der Börse schon sicher?) reagieren liquide Märkte sehr präzise. Und zwischen dem Wert mit bzw. ohne Dividendenberechtigung (also dem Schlusskurs am Stichtag und dem Eröffnungskurs am Tag danach) liegt eben exakt der Wert der Dividende je Aktie - sofern an diesem Tag nicht Neuigkeiten den Kurs in eine andere Richtung beeinflussen.
Ebenso exakt pendeln sich Aktienkurse übrigens auch auf andere „sichere" Ereignisse ein - etwa im Fall einer angekündigten Übernahme auf den fixierten Übernahmekurs.
Aktienrückkauf. Wann und warum kauft eine AG eigene Aktien zurück? Um den Kurs zu stützen? Weil man weiß, dass das eigene Unternehmen unterbewertet ist und man auch als AG von zukünftigen erwarteten Kurssteigerungen profitieren will?
Der Kauf eigener Aktien ist durch das Aktiengesetz streng limitiert. Als Gründe für den Rückkauf sind dort vor allem die Verwendung als Bonus für leitende Angestellte oder als Kaufwährung für die Übernahme eines anderen Unternehmens genannt. Darüber hinaus kann ein Rückkauf auch genutzt werden, um das Stammkapital zu reduzieren (wenn die Aktien in der Folge aus dem Verkehr gezogen werden).
Jedenfalls verbessert der Kauf eigener Aktien die Position der übrigen Aktionäre, da mit den eigenen Aktien per Gesetz weder Stimmrechte noch Dividendenrechte verbunden sind (diese dürfen auch nicht über Strohmänner ausgeübt werden). Und natürlich stützt ein zusätzlicher potenter Käufer am Markt auch den Kurs - auch wenn das nicht im Sinne des Aktiengesetzes ist.
Der Kauf eigener Aktien als Spekulationsobjekt ist dort ausdrücklich untersagt - er wäre auch unter dem Aspekt des Insiderhandels problematisch. Allerdings ist die Spekulationsabsicht in der Praxis sehr schwer nachzuweisen.
Auslandsaktien. Kann man eine Aktie an einer Börse kaufen und an einer anderen verkaufen? Und wie kommt es, dass bestimmte Aktien in Mini-Mengen auch an anderen Börsen gehandelt werden - z. B. Toyota u. a. auch in Frankfurt, Stuttgart?
Im Prinzip ja, wenn es sich tatsächlich um dieselbe Aktie handelt. Zumindest theoretisch sind dadurch schöne Arbitrage-Gewinne möglich: Da an verschiedenen Handelsplätzen die Preise für dasselbe Produkt nicht immer exakt gleich sind - insbesondere an kleinen Börsen sind die Differenzen zwischen Kauf- und Verkaufskursen in der Regel viel größer als an der jeweiligen Stammbörse.
In der Praxis stößt dieses Geschäft aber an technische Grenzen, weil der Direkthandel mit Auslandsaktien nicht immer uneingeschränkt möglich ist - oft ist eine Bank zwischengeschaltet, was einerseits die Kosten erhöht, andererseits zu viel Zeit kostet, um günstige Arbitrage-Möglichkeiten tatsächlich zu nutzen.
Im Übrigen sind Aktien im Ausland oft nicht direkt handelbar, sondern als Depositary Receipts (American, European, Global Depositary Receipt - ADR, EDR oder GDR): Um sich die gesamte Börsenzulassung in einem Zweitmarkt zu sparen, werden dort nicht die Aktien selbst gehandelt, sondern Bezugsscheine auf die Originalpapiere, die lediglich im Keller einer Bank gelagert werden.
Charttechnik. Wie funktioniert Charttechnik? Sind das selbsterfüllende Prophezeiungen?
Diese Frage ist wissenschaftlich umstritten. Weder gibt es eine anerkannte wissenschaftliche Theorie, wieso sich Handelsabläufe an bestimmte Muster halten sollten, noch ist eindeutig geklärt, über welche Mechanismen das funktioniert. Aber es scheint trivial, dass eine Aktie, die einen länger gehaltenen Trendkanal verlässt oder eine Widerstandslinie durchbricht, sich künftig eher in diese Richtung entwickeln wird.
Andere Muster - etwa die bekannte Kopf-Schulter-Formation, die auf sinkende Kurse hindeutet, oder das Zusammentreffen von 50- und 200-Tage-Linie - sind weniger trivial. Aber wer möchte in Zeiten automatisierten elektronischen Handels unterscheiden, ob da geheimnisvolle Kräfte wirken oder bloß die an diesen Mustern orientierten Kauf- oder Verkaufsorders zahlloser Computer?
Spannend bleiben hingegen die Fibonacci-Linien - bestimmte Verhältniszahlen zwischen einem Minimum und einem Maximum, an denen sich häufig Widerstandslinien bilden. Die tauchen nämlich auch für die Vergangenheit auf, wenn man sie für ein neues Minimum zieht - und da konnte noch niemand wissen, dass sich dort einmal eine Fibonacci-Linie befinden wird.
Bemerkenswert auch, dass sich diese Verhältniszahlen auf eine Zahlenreihe des toskanischen Mathematikers Leonardo Fibonacci aus dem 13. Jahrhundert beziehen, mit der dieser das Wachstum einer Kaninchen-Population berechnen wollte. Die Welt ist voller Wunder.
1 Kommentar
lieber Dr. Sommer !
Meine Aktien kommen nie zum Höhepunkt, was kann ich da tun?
Von Gast: Gast: rt am 13.02.2012 um 12:14
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