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Dialog-backdrop Zur Sache: Von Schuld und SündenEsther Mitterstieler. Steuersünder an den Pranger zu stellen saniert keinen Staat. Die Entrüstung greift um sich - in Österreich und dem restlichen Europa. So ist den Griechen also eingefallen, die 4000 Oberschlitzohren im Internet als Steuersünder öffentlich an den Pranger zu stellen, so hat die italienische Finanz schlagzeilenträchtig in Cortina d'Ampezzo zugeschlagen und etliche Ferrarifahrer entdeckt, die es mit ihrer Steuererklärung nicht ganz so genau nahmen. So bebt der Universitätsplatz in Bukarest, weil Rentnerinnen und Arbeitslose sich Luft machen wegen der unbotmäßigen Ungerechtigkeit: Das ist nur eine kleine Spitze des Eisbergs. Der Unmut macht sich zurecht breit, das steht außer Diskussion. Dazu passt auch das nun geforderte Sündenregister für den ORF. Die Frage ist vielmehr, warum die Leute so lange gebraucht haben, um sich aufzuregen. Die Frage ist auch, warum wir mal wieder versuchen, dem undefinierbaren Kapital in Form der bösen Finanzjongleure allein die Verantwortung zuzuschieben. Und die Banken sollen als Verursacher der tiefsten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg allein Schuld tragen und damit sühnen. Es ist so einfach, allgemeine Anschuldigungen zu formulieren, in dem schönen Internetzeitalter sogar noch etwas konkreter. Zur Sicherheit bleibt man dabei anonym und verwendet einen Nickname. Da wird plötzlich nur noch wie wild nach allen Seiten geschossen: Das Böse gibt es nicht, und es ist schon gar nicht immer und überall. Wer aber immer wieder verallgemeinert, findet sich eben ganz vorne in den Chören jener, die eine Veröffentlichung der Liste der Schande unter den Steuersündern fordern. Wer es hierzulande tut, müsste ein eigenes Gesetz initiieren. Wer den Fiskus hintergeht, ist schuldig, seine staatsbürgerliche Pflicht nicht zu leisten. Das mag der griechischen Regierung auch die Sympathie jener bringen, die auf die Straße gehen. Den staatlichen Haushalt saniert es nicht. Und ebenso wenig jene Mentalität, die in weiten Teilen der Bevölkerung vorherrscht: Zuerst komme ich, und dann der Staat. Fällt Ihnen etwas auf? Die letzten drei Sätze sind auch auf Österreich wunderbar anwendbar. Denken Sie an Ihre Putzfrau? Haben Sie sie angemeldet? (Abgesehen davon, dass hier die Bürokratie die Bürger schikaniert und die meisten Putzfrauen schon aufgrund dessen schwarzarbeiten wollen.) Es gibt da noch genug Beispiele, wie Menschen ihre Umgebung ausnutzen. Denken Sie bloß an die Kurdauergäste, die sich, wie es das Gesetz erlaubt, alle eineinhalb Jahre automatisch auf Kur schicken lassen - auf Kosten der Allgemeinheit. Das sind die Fragen, die letztendlich gelöst werden müssen, indem wir uns alle selber an der Nase nehmen. Das ist der Punkt mit der Schuld. Und die kleinen Sünden kennt jede(r). Oder nicht? Es werfe jene(r) den ersten Stein, der frei von Sünde ist.
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