Staatsfonds - Die neuen Giganten kaufen ein
Private Equity, die berühmten "Heuschrecken", waren gestern, heute herrschen die Staatsfonds als T-Rex über die Finanzmärkte. Mit zwei Billionen Euro in der Tasche gehen sie auf die Jagd. Die Verunsicherung über diese Entwicklung wird in den Industriestaaten immer größer.
In den letzten Monaten tauchen sie immer öfter auf, seltsam klingende, meist lange Namen von Fonds, die zum Teil aus sehr exotischen Ländern kommen. Dabei ist ihre Geschichte keineswegs so kurz, wie die sich nunmehr häufenden Meldungen nahe legen. Fonds unter staatlicher Kontrolle, die die Gelder aus Überschüssen verwalten und gewinnbringend anlegen, gibt es bereits seit Jahrzehnten.
Agieren im Verborgenen
Bis vor kurzem haben dieses Staatsfonds allerdings meist nur sehr selten für Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gesorgt. Aus mehreren Gründen.
Viele dieser Fonds hatten bis dato ein Dotations- bzw. Anlagevolumen, das zwar in die Milliarden Euro geht, sich jedoch in einem überschaubaren Rahmen bewegte.
Außerdem war ihre Zahl vor zwei oder drei Jahren noch geringer als das seit einigen Monaten der Fall ist.
Und schließlich war die Veranlagungsstrategie dieser Marktteilnehmer, vorsichtig formuliert, langfristig, auf Staatsanleihen ausgerichtet oder auf Kleinstbeteiligungen bei multinationalen Konzernen beschränkt.
Gegründet auf Vogelmist
Die Historie der Staatsfonds ist jedoch, wie gesagt, bereits einige Jahrzehnte alt. Einer der, wenn nicht der erste Staatsfonds überhaupt, war jener des pazifischen Inselstaates Kiribati, der Teile seines Exporterlöses aus Guano, phosphatreicher Vogelmist, der einen hochqualitativen Dünger darstellt, seit Mitte der 50er Jahr dorthin umleitete.
Durchaus bekannt sind seit Jahrzehnten auch die Staatsfonds von Norwegen oder einiger Golfanrainerstaaten. Eine sehr lange und wechselhafte Geschichte hat etwa der kuwaitische KIA hinter sich, der bereits Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegründet wurde. Zunächst als Entwicklungsfonds für Projekte im Land selbst, dann als Stabilisierungsfonds (inklusive politischer Waffe während des ersten Ölpreisschocks) in den 70er und frühen 80er Jahren. Schließlich wurde er gegen Ende der 80er Jahre durch Fehlinvestitionen und den darauf folgenden ersten Irakkrieg Anfang der 90er Jahre sowie die in der Folge drastisch gefallenen Ölpreise fast ausgetrocknet. Mit Ende der 90er Jahre und den immer massiver steigenden Ölpreisen erhält der KIA heute zunehmend die Aufgabe eines Investitions- und Zukunftsvorsorgefonds für den Staat.
Ebenfalls bereits seit 1976 besteht der Fonds der Abu Dhabi Investment Authority. Seit langer Zeit im "Geschäft" ist auch der Norwegian Government Pension Fund Global. Allen diesen "klassischen" Fonds - auch Staaten wie Australien, Kanada oder "Exoten" wie Irland, Malaysia oder Neuseeland verfügen seit Jahren über derartige Fonds - ist gemeinsam, dass sie bisher sehr zurückhaltend und konservativ investierten.
Neue Rahmenbedingungen
Doch die Zeiten ändern sich und gerade die Finanzmärkte im speziellen und die Weltwirtschaft im Allgemeinen ist seit einigen Jahren einer massiven Veränderung unterworfen. Unter dem Schlagwort der Globalisierung wurde der Finanzmarkt extrem flexibel. Die Hausse der Private Equity und Hedge Fonds bis in das vergangene Jahr ist dabei nur das sichtbarste Zeichen.
Diese rund 9.000 Hedge Fonds verwalten weltweit rund 1,3 Billionen Dollar, knapp 920 Milliarden Euro. Enorme Summen, doch sie stellen nach Schätzungen von Experten nur rund die Hälfte jener Mittel dar, die derzeit in staatlichen Fonds rund um die Welt verwaltet und angelegt werden. Auf fast 1,77 Billionen Euro taxiert Morgan Stanley-Volkswirt Stephen Jen in einer aktuellen Studie die akkumulierten Vermögen der Staatsfonds weltweit. Mit massiven Wachstumsaussichten. Bis 2015 soll eine Summe von bis zu 8,5 Billionen Euro erreicht werden. Die Deutsche Bank Research wiederum schätzt alleine das akkumulierte Vermögen der zehn größten Staatsfonds bereits auf umgerechnet zwei Billionen Euro. In jedem Fall nehmen sich die Hedge Funds dieser Welt dagegen mehr wie Schmetterlinge denn Heuschrecken aus.
Und auch innerhalb der bisher kaum in Erscheinung getretenen staatlichen Fonds ändern sich die Big Player. China, Russland und (zum Teil wie bisher) arabische Fonds werden zunehmend den Ton angeben. So fließt dem chinesischen Staat derzeit täglich rund eine Milliarde Euro aus Exportüberschüssen zu und die chinesischen Währungsreserven haben in diesen Tagen die Marke von einer Billion Euro überschritten. Der Rohstoffreichtum wiederum ist der Grund für das enorme Anwachsen der Devisenreserven von Ländern wie Russland und Australien oder vieler Ölexporteure. Damit werden auch bisher am Finanzmarkt weitgehend übersehene Staaten wie etwa Aserbaidschan mit ihren Staatsfonds in Kürze zu potenten Mitspielern werden.
Diese Milliarden wurden in den letzten Jahren hauptsächlich in US-Anleihen investiert. Gerade diese Strategie führte jedoch zuletzt zu immer weniger Rendite. Im Gefolge der Subprime-Krise in den USA senkte die Zentralbank Fed die Zinsen. Parallel dazu verliert der US-Dollar gegenüber wichtigen Währungen deutlich an Wert.
Die Folge ist, dass sich zahlreiche Länder mit enormen Währungsreserven weltweit nach Anlagealternativen umsehen, die höhere Renditen und geringeres Wechselkursrisiko, als die US-Staatsanleihen versprechen.
Aus dem Schatten ins Licht
Die Umorientierung der Anlagestrategien stellt für Beobachter daher nicht unbedingt eine Überraschung dar. Eher schon, wie deutlich und offensiv sich manche Player auf ihre neuen Plätze an der internationalen Finanzsonne vorbereiten.
Bisher war die Anlagestrategie der Staatsfonds, die in vielen Fällen Zukunftsfonds darstellen, wie bereits erwähnt, sehr konservativ und vor allem sehr langfristig. So ist die kuwaitische KIA seit über 30 Jahren mit etwa sieben Prozent bei Daimler engagiert und Norwegens Staatsfonds hält ebenfalls Kleinstbeteiligungen an zahlreichen deutschen Blue Chips.
Die neuen Player scheinen da aus anderem Holz geschnitzt zu sein. Beunruhigt haben europäische Regierungen etwa die Beteiligung staatlich kontrollierter russischer Konzerne an der Airbus-Mutter EADS registriert. Auch das Engagement des damals in Gründung befindlichen neuen staatlichen chinesischen Fonds am Private Equity-Player Blackstone im Umfang von drei Milliarden Dollar hat Ende Mai für Aufsehen gesorgt.
Ende September wurde der chinesische Staatsfonds China Investment Corporate (CIC) schließlich offiziell aus der Taufe gehoben. Er ist (vorerst) mit 142 Milliarden Euro dotiert. Zunächst wird zwar ein großer Teil dieser Summe für Umstrukturierungen bei chinesischen Konzernen ausgegeben, allerdings ist eine weitere Dotierung des Fonds in Milliardenhöhe wohl nur eine Frage der Zeit. Zunächst will man den Fonds aber mittelfristig "nur" mit umgerechnet rund 247 Milliarden Euro ausstatten. Ebenfalls bereits eine Summe mit der kaum noch ein Unternehmen der Welt vor einer Übernahme sicher wäre. So beträgt die Börsenkapitalisierung der Deutsche Bank derzeit etwa 57 Milliarden Euro. Außerdem scheint China trotz Drängens des Westens, seine Währungs- und Wechselkurspolitik besser zu kontrollieren, seinem neuen Fonds Vorrang zu geben.
Gegenreaktion folgt auf dem Fuße
Diese Entwicklungen und die bereits jetzt absehbare künftige Entwicklung im Bereich der staatlichen Fonds ruft vor allem im Westen die Warner auf den Plan. Wobei die USA in diesem Bereich, wenn es um den Schutz der eigenen nationalen Interessen geht, gegenüber den Europäern wieder einmal die Nase vorne haben. Bereits vor zwei Jahren wurden jenseits des großen Teichs eine Prüfbehörde installiert, die genau solche Deals im Notfall auch abschlägig beurteilen kann.
Kombiniert mit politischem Druck wurde damit unter anderem der Kauf mehrerer Häfen in den USA durch die Dubai Ports verhindert.
In Europa profiliert sich derzeit vor allem die Regierung in Deutschland mit der Skizzierung von protektionistischen Maßnahmen. Und stößt dabei bereits vorab in Brüssel auf Skepsis.
Allerdings wird die Entwicklung rund um die Staatsfonds sowie die bekannten "Heuschrecken" auch im EU-Hauptquartier bereits intensiv diskutiert. Mit allerlei interessanten, bis hin zu skurrilen Stilblüten. Während man den neuen EU-Mitgliedern nahe legt, die so genannte "Golden Share" abzuschaffen, wird diese nun in Brüssel prompt als bittere Medizin gegen die Staatsfonds diskutiert. Einschränkend muss man jedoch hinzufügen, dass die gegen die OMV gerichtete Wiedereinführung der Goldenen Aktie in Ungarn gegen ein weitgehend im Privateigentum stehendes Unternehmen gerichtet ist.
Die staatlichen Fonds hingegen sind zumeist zur Gänze und direkt staatlich kontrolliert.
Jedenfalls war neben der Euro-Stärke die Abwehr der Staatsfonds eines der zentralen Themen der letzten Finanzministertagung der EU und soll auch beim Treffen der G7-Finanzminister und des IWF in Washington ein bestimmendes Thema sein.
Was die westlichen Experten stört, ist nicht zuletzt die Intransparenz der riesigen staatlichen Geldmaschinen. "Hedgefonds und staatliche Investitionsfonds sind beides schwarze Löcher. Schwarze Löcher sollten uns immer Sorgen machen", so IWF-Chefökonom Simon Johnson im Vorfeld des Treffens.
Ein Standpunkt, den sich EZB-Chef Jean-Claude Trichet zu eigen gemacht hat, der meinte, dass nicht transparente Staatsfonds eine "Belastung für den weltweiten Wohlstand" darstellen würden.
Eine Forderung , die nicht unbegründet scheint. Die meisten, auch westlichen staatlichen Investmentfonds lehnen eine Auskunft über ihre Beteiligung zumeist rigoros ab. Eine Ausnahme bildet lediglich der Norwegian Government Pension Fund Global.
Ein erster Schritt in die richtige Richtung könnte nach Angaben des ehemaligen US-Finanzministers und Harvard-Ökonomen Lawrence Summers bereits gesetzt werden, wenn die Staatsfonds wie Stiftungen oder Pensionsfonds über zwischengeschaltete Fondsmanager investieren würden. Damit würde automatisch die Renditemaximierung in den Vordergrund treten, mögliche politische Intentionen ihren Einfluss verlieren. Umgekehrt müsst man sich dann jedoch fragen, welche Ziele die staatlichen Investmentfonds verfolgen, wenn sie derartige Konstruktionen ablehnen.
Diese Ansätze scheinen auch bereits erste Früchte zu tragen. So hat CIC-Chairman Lou Jiwei bereits erklärt, dass man "die Transparenz unseres Unternehmens erhöhen wird, solange dies unsere geschäftlichen Interessen nicht beschädigt".
Zusätzlich plädiert Trichet auch für die Festlegung von Richtlinien, die genau diese Transparenz auch schriftlich festlegen.
Eine Medaille, mehrere Seiten
Andererseits sind die "neuen" Geldgeber auch durchaus willkommen. Neben den "klassischen" Beispielen wie Daimler oder anderen deutschen Blue Chips, sind die Staatsfonds auch im Anlassfall zunehmend willkommen.
So hat Barclays im, letztendlich verlorenen, Übernahmekampf um die ABN Amro im Sommer auch auf Staatshilfe aus Fernost gesetzt. Neben einer chinesischen Staatsbank wurde auch die Temasek Holding, der staatliche Investmentfonds Singapurs, mit an Bord geholt.
Auch andere Großkonzerne zeigen gegenüber möglichen Beteiligungen der Staatsfonds wenig Berührungsängste. So hat E.ON offiziell verlautbart, dass man für derartige Beteiligungen offen sei.
Gerade der Energiekonzern zählt jedoch zu einem Segment, das die deutsche Regierung am liebsten unter einen Glassturz stellen würde. Außerdem ist neben der Telekommunikation natürlich auch die Rüstungsindustrie tabu.
Diese Reaktion ist durchaus nachvollziehbar, wenn man die Praxis etwa chinesischer Unternehmen kennt, die bei der Erlangung und Kopie neuer Technologien wenig wettbewerbskonform vorgehen. Die Diskussion um die Plagiate ist nur ein Zeichen dafür. Wenn durch die Beteiligung oder den Kauf eines europäischen Konzerns Patente und Know-how ohne Kontrolle abgezogen werden können, dann ist das nur ein Aspekt.
Schließlich ist ein, womöglich sowohl technologisch führender, wie auch arbeitsplatzintensiver Konzern in der Hand eines ausländischen Eigentümers auch ein mögliches politisches Druckmittel.
Schärferer Wind
Wenig hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch der gegenwärtige Umbruch in der Anlagestrategie der Staatsfonds. Während früher administrativ leicht zu verwaltende Kleinst- oder Minderheitenanteile langfristig gehalten wurden, ändert sich dieser Ansatz deutlich. Der Angriff auf die britische Supermarktkette Sainsbury durch den Staatsfonds von Katar, die Qatar Investment Authority ist ein Zeichen für den schärferen Wind. Die Einmischung in die Finanzierung von Übernahmekämpfen zählt dazu ebenso, wie die bereits zitierte Blackstone-Beteiligung. Hinzu kommt, dass aus den Reihen dieser Anleger immer öfter Stimmen zu vernehmen sind, vermehrt auch strategische Anteile an westlichen Großbanken übernehmen zu wollen. Statt wie Pensionsfonds werden zumindest einige staatliche Investmentfonds wohl eher wie Private Equity-Investoren agieren.
Weniger heiß gegessen …
... als gekocht, könnte jedoch auch hier das Motto lauten. Die bisherige Anlagestrategie in langfristigen Kleinbeteiligungen hatte wie gesagt auch den Vorteil, wenig arbeitsintensiv zu sein. Wer Beteiligungen jenseits der zehn Prozent anstrebt, muss nicht nur zunehmend Aufsichtsräte, sondern in weitere Folge wohl auch immer öfter Vorstände für die erworbenen Konzerne stellen und diese wiederum kontrollieren. Experten schätzen, dass gerade reiche Golfstaaten bei einer derartigen Strategie schnell an die Grenzen ihrer Personalressourcen stoßen werden. Für China und Russland dürfte dies jedoch nicht in diesem Ausmaß gelten.
Trotzdem warnen auch westliche Expertenpools, dass eine Überreaktion der Politik bei diesem Thema nicht angebracht ist. Unter anderem verweist ein Papier des Deutschen Bankenverbandes darauf, dass vermieden werden sollte, die staatlichen Investmentfonds unter Generalverdacht zu stellen. Und sie verweisen auf die Selbstregulierung des Marktes. "Politische Motive können keine dauerhafte Strategie für einen Staatsfonds sein, denn wenn sich der Fonds längerfristig am Markt für grenzüberschreitende Investitionen behaupten will, ist er auf gute Reputation angewiesen", so das Zitat.
Österreich unter dem Radar
Positiv betrachtet mag auch das ein Grund für die bisher durchaus besonnene politische Reaktion aus den heimischen Landen sein. Einerseits stellt Wirtschaftsminister Martin Bartenstein fest, dass er es durchaus ablehnt, wenn ein staatlich gelenkter Investitionsfonds in gewisse österreichische Unternehmen veranlagt. Allerdings schränkt er die sensitiven Bereiche sehr ein. So nennt Bartenstein konkret den Verbund, bei dem ein angemessener Schutz zweckmäßig sei.
Zudem stellt sich der auf KMU konzentrierte Schwerpunkt der österreichischen Wirtschaft wieder einmal als Vorteil heraus. Selbst die meisten größeren heimischen Konzerne liegen weitgehend unter dem Radar der großen Staatsfonds, die oft mit Mindestinvestitionssummen von 100 Millionen Euro agieren.
Bisher wurde konkret auch kaum Interesse derartiger Investoren an österreichischen Unternehmen bekannt.
Die 10 größten Staatfonds weltweit |
| Rang | Name | Land | Volumen (in Mrd. €) |
| 1 | Abu Dhabi Investment Authority | Vereinige Arabische Emirate | 615,5 |
| 2 | Temasek Holdings/Government of Singapur Investment Corporation | Singapur | 308,1 |
| 3 | Goverment Pension Fund - Global | Norwegen | 226,5 |
| 4 | Central Hujin Investment Corporation/China Investment Company | China | 211,1 |
| 5 | verschiedene Fonds | Saudi-Arabien | 211,1 |
| 6 | Kuwait Investment Authority | Kuwait | 175,9 |
| 7 | Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio | Hongkong | 98,4 |
| 8 | Stabilization Fund of the Russian Federation | Russland | 89,3 |
| 9 | Alaska Permanent Reserve Fund Corp./New Mexico State Investment Office Trust Funds | USA | 38,7 |
| 10 | Australian Government Future Fund | Australien | 35,1 |
Quelle: Deutsche Bank Research
Kommentare… Kommentar hinzufügen…