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Wettbranche: Wie Spiele geschoben werden

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von Thomas Jäkle | 24.11.2009 | 00:25

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Wettbranche: Wie Spiele geschoben werden

Wenn eine gute Fußballmannschaft mit 0:7 verliert, muss das nicht an der schlechten Tagesverfassung liegen. Eine Software deckt Auffälligkeiten bei Spiel- und Wettverläufen auf. Die meisten Spielmanipulationen werden im fernen Osten eingefädelt.

Wettbüro (WB / peroutka)

Wenn sich die Quoten kurzfristig verändern, läuten die Alarmglocken

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Asian-Monitor

Kurz vor Spielbeginn (19 Uhr) eine massive Änderung der Quoten: Nicht nur die Aufstellung von Fußballteams hat damit etwas zu tun, sondern auch eine ehrenwerte Wettgesellschaft, die viel Geld als Wetteinsatz einsetzt. Das Match zwischen Vienna und Austria Amateure wird von Bets4all als "problematisch" eingestuft.

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In der Schweiz steht ein Spiel des FC Gossau und dessen Klubpräsident Mario Bigoni (25) im Fokus der Ermittlungen. Bei einem Heimspiel soll Gossau am 24. Mai 2009 gegen Locarno 0:4 verloren haben, die Wettmafia 20.500 Euro an Gossauspieler gezahlt haben. Die Software von Bets4all aus Linz erkennt diese Manipulationen (Siehe Grafik) deutlich.

Wien. „Das Spiel Vienna gegen Austria Amateure vom Freitag deutet auf einen regulären Spielverlauf hin", sagt Attila Gergely, Geschäftsführer von Online Service Bets4all aus Linz. Bets4all nimmt selbst Wetten an und stellt anderen Unternehmen und Sportverbänden Software gegen Maipulationsversuche zur Verfügung. Aber nicht immer wird manipuliert, wenn die Lichter so wie bei Vienna gegen Austria Amateure rot aufleuchten. Das Spiel endete 2:0 für die Amateure von Austria Wien.

Die Betrachtung der Entwicklung der Wettquoten würde nämlich den Verdacht aufkommen lassen, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. In den Nachmittagsstunden vor dem Spiel vom vergangenen Freitagabend verzeichnete Bets4all - noch vor dem Anpfiff - bei der Quote eine massive Abweichung von dem, was man als eine „normale Entwicklung" bezeichnen kann. Die Quote hatte sich vor dem Anpfiff binnen drei Stunden noch um satte 70 Prozent von 1,8 auf 2,3 verändert. Konkret habe sich damit das Wettverhältnis gedreht. Eine derartige Abweichung noch vor dem Anpfiff sei untypisch, sagt Gergely.

Wenn sich die Quote kurzfristig vor Spielbeginn dreht und die Mannschaft gewinnt, deren Quote gesunken ist, heißt es im Jargon der Zocker: „Da hat einer wieder einmal etwas mehr gewusst."

Verantwortlich für derart massive Quotenänderungen seien zurzeit in 80 Prozent der Fälle Buchmacher aus dem fernen Osten. Vorwiegend aus dem asiatischen Raum werden Wetten auf ein relativ unbedeutendes Match abgeschlossen. Das so genannte Asien-Handicap würde zu 99 Prozent auch die Wetten in Europa beeinflussen. „Da werden dann hohe Beträge auf einen hohen Sieg gesetzt", sagt Gergely. Auf ein Spiel werden bis zu 100.000 Pfund gesetzt, was gut die Verdoppelung des Wetteinsatzes bedeuten kann. 

„Die Kofferträger", die vor Ort den Job erledigen, seien aus dem Balkanraum oder aus Osteuropa. Dazu zählen Spieler, ihre Vermittler, Manager und sonstige dubiose Personen im Umfeld der Sportler, die an der Manipulation beteiligt seien.
Neuerdings beteiligen sich an den Spielmanipulationen auch Seilschaften aus der Ukraine und Russland, deren langer Arm bis in die Klubs nach Europa hineinreicht. Um die Spielresultate aus der Ferne zu lenken, bis hin zum exakten Ergebnis, müssen auch vor Ort die Beteiligten gesteuert werden.

Offene Tore
Doch seien es nicht nur die Quoten, sondern auch die Rahmenbedingungen, die gerade bei Manipulationsversuchen Haus - und im wahrsten Sinn des Wortes Tore  - öffnen. Nachdem ab der Saison 2010/2011 in Österreichs zweithöchster Spielklasse keine Amateurmannschaften von Profiklubs mehr spielberechtigt sind, sind gerade Spiele dieser Teams im Radar der Betrugsspezialisten.

Im konkreten Fall: Die Austria Amateure müssen Ende der laufenden Saison 2009/2010 auf jeden Fall absteigen, auch wenn sie sich sportlich weiterhin qualifizieren würden. Die ÖFB-Statuten schreiben dies vor. Spieler von Teams in einer derartigen Situation seien dabei besonders im Fokus von Wettbetrügern.
Andererseits gibt es Klubs, die finanziell in einer klammen Situation stecken. „Da passiert schon einmal, dass Spieler nicht nominiert werden oder gar auf einmal unbekannte Spieler auflaufen", sagt ein Insider der Szene, der Online-Wettunternehmen berät und nicht genannt werden wollte. Und dann passiere es, dass Spielergebnisse aufs Tor genau bestellt werden. 

Mannschaften mit derartigen Rahmenbedingungen seien für Manipulationen durchaus anfällig. Dazu kommt, dass Torhüter oder auch junge Spieler aus Osteuropa unbedingt in den Westen wollen. „Sie werden mit Versprechungen und natürlich Geld geködert", sagt ein Berater der Wettanbieter im Gespräch mit dem WirtschaftsBlatt. Und im Gegenzug verpflichten sie sich auch zu entsprechenden „dubiosen Gegengeschäften", vor allem dann, wenn es sportlich um nichts mehr gehe.

Der Wanderzirkus
In der Wettszene ist es kein Geheimnis, dass Spieler aus den Balkanstaaten auf Rundreise durch Europa geschickt werden. Mit Einjahres-Engagements werden Profis vorzugsweise in die zweiten oder dritten Ligen in Nordeuropa transferiert oder an andere Klubs ausgeliehen. Einige Spieler setzen auf die eigene Niederlage, wie es in Österreich auch immer wieder vorgekommen ist.
Wird der Boden zu heiß, oder wurde bereits genügend Geld abgeräumt, werden die Vereine gewechselt. Die Spieler ziehen dann weiter in ein anderes Land - wieder in die zweite, dritte oder gar vierte Liga.

Internationale Netzwerke
Die Manipulationen haben mehrere Facetten. „Es geht um Netzwerke, die von Europa aus, direkt vom Ort des Geschehens, erstklassige Informationen weiter geben", sagt der deutsche Wirtschaftsinformatiker und Online-Wetten-Konsulent Ralf Koschel. Gemeinsam mit anderen deutschen Experten hatte er die Software schrittweise entwickelt. Koschel arbeitet seit über zwei Jahren mit dem Online Service Bets4all aus Linz zusammen. Gemeinsam wurde eine Software entwickelt, die die Entwicklung von Quoten bei den Buchmachern in Asien aufzeichnen und auswerten.

Nutznießer der Software sollen die Fußballverbände sowie die Buchmacher in Europa sein. Letztere sollen befähigt werden, ihre Wetten gegen die illegalen Machenschaften zu schützen.
Warum erst jetzt gegen die dunklen Netzwerke vorgegangen wird, dafür hat der Softwarehersteller auch eine Erklärung. „Wir können nicht überprüfen, wer wen bestochen hat oder wer ein Spiel wie manipuliert hat", verteidigt Bets4all-Geschäftsführer Gergely. Über das Monitoring der asiatischen Buchmacher könne man aber feststellen, dass es zu massiven Liquiditätsströmen gekommen ist und in welcher Region konkret der Verdacht zu schöpfen sei.
Man werde selbstverständlich mit dem Bundeskriminalamt (BKA) in Deutschland zusammen arbeiten. Über abgehörte Handytelefonate ist das BKA beinahe zufällig auf den Wettskandal gestoßen und hatte diesen am Freitag der Öffentlichkeit präsentiert.

Geringer Einsatz
„Das 0:7 von Red Bull Salzburg gegen Rapid Wien im Frühjahr 2008 war ebenso ein auffälliges Ereignis, nicht nur auf dem grünen Rasen, sondern auch bei der Analyse der Wetteinsätze", erklärt Koschel. Mehr als nur die rote Alarmmeldung ist bis dato nicht passiert. Koschel räumt aber ein, dass ein hoher Sieg nicht gleich mit Schiebung in Verbindung gebracht werden muss. Der 9:1-Kantersieg von Tottenham gegen Wigan in der englischen Premiere League am Wochenende sei laut Auswertung im grünen Bereich gewesen. Aufgrund der Rahmenbedingungen mit der Favoritenstellung Tottenhams war selbst so ein hoher Sieg anzunehmen.

Das Risk-Management-Tool von Bets4all unterscheidet nach den Ampelfarben rot (oberste Alarmstufe), gelb und grün.

Mit etwa 50.000 € könne man schon ein Spiel in der zweiten Liga in Ungarn manipulieren, behauptet Koschel. Zunehmend schwierig wird es mit der steigenden Prominenz des Spiels. Ein Champions League-Match sei schwerer zu manipulieren. Geschätzte „500 Millionen € und mehr" würden benötigt, um die Quote kurzfristig um 0,4 Punkte zu verändern.

Beobachter in die Kabine
Die Uefa hat bereits vor einem Jahr das Programm der Linzer Bets4all sowie Software von Betradar in Verwendung. Das deutsche BKA will nun auch die Akten und Auffälligkeiten von zurückliegenden Spielen anhand auch von den Berechnungen des Frühwarnsystems rückwirkend nachvollziehen.
Die Uefa hat bereits im Sommer ihre Kontrolleure auf Reisen geschickt. „Vor mehreren Spielen gingen die Kontrolleure kurz vor dem Spiel bis in die Kabine, wo man die Spieler vor den Manipulationen gewarnt habe", sagt Koschel. Festgestellt wurden knapp zuvor erneut massive Veränderungen bei der Quote. Koschel glaubt, dass man so einen reellen Ausgang der Matches erzwungen hat.

Tennis: Nummer zwei der Schieberei
Nicht nur beim Fußball, sondern auch beim Tennis soll eifrig manipuliert werden. Und dass es dort noch einfacher ist, das bestätigt Wirtschaftsinformatiker Koschel: „Sie haben es beim Tennis mit wesentlich weniger Leuten zu tun." Dies würde die Manipulation wesentlich vereinfachen. Auch hier gehe es um eine weltweite Vernetzung. „30 bis 100 Personen sind involviert", sagt Koschel. Und da können die Ergebnisse von Spielern, die weit entfernt von den Top-Platzierungen rangieren, massiv beeinflusst werden. „Die Spieler haben das Ergebnis in der eigenen Hand", sagt Koschel.

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