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Dialog-backdrop Gesellschaft auf wackligem GrundSeetauglich. Auf Plattformen von Marine Innovation & Technology will Freidenker Patri Friedman Mikronationen errichten. Bisherige Versuche, abseits der Kontinente eine neue Gesellschaft zu gründen, sind aber kläglich gescheitert. Milton Friedmans Enkel sorgt für Schlagzeilen: Der 33-jährige Freidenker und Gesellschaftsutopist Patri Friedman will schwimmende autonome Siedlungen in hoheitsfreien Gewässern erbauen, auf der ähnlich gesinnte Menschen abseits der Zwänge von Nationalstaatlichkeit leben sollen. Mit seinem Seasteading Institute, für das er seinen Job als Software Engineer bei Google aufgegeben hat, trommelt er seit 2008 unermüdlich für seine Vision. Auf der ersten Seasteading-Konferenz im Oktober 2008 kündigte er an: "Wir wollen erreichen, dass mehrere hundert Leute - zum Beispiel alle in diesem Raum und drei ihrer Freunde - zusammen ihren eigenen Staat gründen können und zwar um denselben Preis, um den sie Häuser in San Francisco kaufen würden." Friedman ist nicht der erste, der versucht, Visionen vom freien Leben auf dem Meer umzusetzen. Seine Vorgänger hatten bereits alles versucht - vom Aufschütten von Korallenriffen mit Sand bis zu Staatsstreichen auf ganzen Inselstaaten. Bisher unterlagen sie allerdings alle einer Mischung aus bewaffneten Angriffen, politischen Einsprüchen, Mangel an Interesse und an Finanzierung - und nicht zuletzt feindlichen Umwelteinflüssen (siehe Artikel auf Seite 18). Um zumindest den Mangel an Interesse zu bekämpfen, ist Friedman mit seinem Enthusiasmus und seinen Reden über Pioniergeist und neuen Grenzen zweifellos der richtige Mann. Und für die Finanzierung hat er einen zugkräftigen Namen gewinnen können: Peter Thiel, Gründer von PayPal und nach seinem Ausstieg freifinanzierender Multimillionär, zahlte vorigen April 500.000 Dollar Startgeld an Friedmans Seasteading Institute. Dafür, dass die schwimmenden Wohnplattformen auf hoher See nicht Schiffbruch erleiden, ist Marine Innovation & Technology MI&T verantwortlich. Die Beraterfirma hat sich auf Konzepte für das Bauen von schwimmenden Plattformen spezialisiert, zu ihren Projekten gehören etwa Ölbohrplattformen und Windturbinen. Gründer Dominique Roddier und Chefingenieurin Alexia Aubault leiten für das Seasteading Institute das Projekt "ClubStead". Schwimmende Beispiele Die Designer haben sich dabei ein Vorbild an bereits bestehenden oder geplanten sogenannten "floating cities" genommen, wie etwa "The World", ein Schiff mit Anrainern aus 40 Nationen, die derzeit die Welt umrunden; weiters dienten das nie umgesetzte "Freedom Ship" oder das "Lilypad" - das schwimmende Refugium für Klimaveränderungsflüchtlinge in Seelilienform von Architekt Vincent Callebaut - als Beispiele. Ganz so ästhetisch wie die Seelilie wirkt das Club-Stead freilich nicht. Die Plattform ist 400 mal 400 Fuß (also rund 14.865 Quadratmeter) groß. Sie wird jahrein, jahraus etwa hundert Meilen vor San Diego schwimmen, aber nicht verankert sein, um Genehmigungsverfahren zu vermeiden. Ihre Stellung hält sie per Diesel-Antriebssystem. Vier Säulen sorgen für Stabilität. Von diesen werden über Stahlseile weitere Stockwerke abgehängt, um Nutzfläche zu schaffen. Das Gewicht der Gebäude ist mit etwa 7000 Tonnen begrenzt, insgesamt soll die Plattform 20.000 Tonnen wiegen. Die Bewohner der ClubStead-Plattformen müssen 30 Tage lang autonom auskommen. Wasser, Strom und Abfallentsorgungsanlagen sind daher eingeplant, Lebensmittel und Dieselöl müssen aber jeden Monat an Bord geholt werden. Auf den Dächern sind aus Sicherheitsgründen Helikopter-Landeplätze angebracht und natürlich müssen auch Schiffe anlegen können. 50 Millionen Dollar kostete das Erstkonzept von MI&T. Für diejenigen, die auf der Basis dieser Plattform eine individuelle Architektur gestalten sollen, stellt das alles eine erhebliche Herausforderung dar. Wendy Sitler-Roddier, Gattin von MI&T-Gründer Dominique Roddier, plant etwa für das erste ClubStead-Projekt ein Luxushotel mit Casino, das 270 Personen beherbergen kann. Sieben Stockwerke soll diese Hotelanlage haben und den Besuchern mehr als 34.000 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung stellen. "Die Mechanik und die Sicherheitsmechanismen sind laut, geruchsintensiv und zum Teil ein ziemlicher Schandfleck", gibt sie unumwunden zu. "Auf einer Plattform, die kaum größer ist als ein Häuserblock, ist es schwer, so etwas zu verstecken." Dieses Problem überwand sie, indem sie die problematischen Funktionen mit der Front des Casino-Bereichs kaschierte, der keine Ruhezonen und/oder Fenster benötigt. Auch die Beweglichkeit des Untergrundes und die ständig wechselnden Wind- und Wetterverhältnisse auf See stellten Sitler-Roddier vor Herausforderungen. "Das alles gibt es natürlich auf dem Land nicht." Wandelbar Zwar ist das erste ClubStead-Projekt quasi als Hotelinsel ausgelegt - aber das Design der Plattform und die Architektur können und sollen für unterschiedliche Zwecke genützt werden. Zu diesem Zweck, und wohl auch um für seine Seasteading-Vision publikumswirksame Bilder zu generieren, führte Friedman im Frühjahr einen 3-D-Designwettbewerb durch. Den Hauptpreis mit tausend Dollar gewann dabei der ungarische Student András Gyõrfi mit seiner optisch famosen "Swimming City" (seasteading.org/design-contest-winners). Wann - und ob - das erste ClubStead allerdings erbaut wird, hängt von der Finanzierung ab. Freidenkerische Millionäre wie Peter Thiel wachsen schließlich nicht auf Bäumen. "Falls wir die Finanzierung nächstes Jahr bekommen, könnten wir 2013 das ClubStead realisiert haben", sagt Sitler-Roddier. "Was für ein fantastischer Gedanke!" mehr Immobilien…
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