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Der Griff in die digitale Werkzeugtasche

23.10.2008 | 09:31 | Thomas Jäkle (wirtschaftsblatt.at)

Arbeiten, wo auch immer man ist, scheint das Gebot der Stunde. Mobile Breitbandnetze machen die rasche Übertragung möglich. Handys werden damit zur Fernbedienung der Manager, mit denen sich Firmen steuern lassen.

SAP-Vorstand Léo Apotheker freute sich kürzlich anlässlich der Partner- und Kundenkonferenz des deutschen Softwarehauses in Berlin, als er das neue, noch nicht am Markt erhältliche UMTS-Blackberry-Handy präsentieren konnte, das mehr war als nur ein Managerspielzeug und eine E-Mail-Station für unterwegs.

SAP hat gleichzeitig mit dem kanadischen Telekomausrüster Research in Motion eine Partnerschaft vereinbart. Künftig sollen via Blackberry Lagerbestandsdaten, Auftrags- und Kundendaten oder auch Verkaufszahlen und Kennziffern abrufbar sein. Und zwar überall dort, wo es UMTS-Datennetze gibt.

Das Handy soll also auch in bestimmten Bereichen den sperrigen Laptop-Computer ersetzen, wie es bereits schon vor gut zwei Jahren Anssi Vanjokki von Nokia prognostiziert hat: „Das Handy ist künftig ein Computer.“

Die Darstellungsmöglichkeiten am Handy sind in der Zwischenzeit ebenso gut wie am Computer. Effizienz ist das Gebot der Stunde. Unnötiger Papierkram soll durch den Einsatz von Kommunikationstechnologie ersetzt werden – im Büro und unterwegs. Daten sollen ohne den sogenannten Medienbruch vom Anwender eingegeben und somit auch wieder aus den Tiefen der Datenspeicher zurückgeholt werden können, also auf Knopfdruck abrufbar sein.

Dank passender Endgeräte und Übertragungstechnologie ergeben sich für Softwarehäuser unzählige Anwendungsgebiete. Und durch den Einstieg von Apple ins Handy-Geschäft wurde nicht nur die Produktpalette der Gerätschaft um ein Modell erweitert. Die Zahl der Apple-Anwendungen, von kleinen günstigen Miniprogrammen bis hin zu höherwertigen Geschäftsanwendungen, ist seit dem Marktstart Mitte des Jahres auf einige hundert neue Programme angewachsen.

RIM und Nokia goutieren geradezu den Markteintritt Apples. „Das Handy hat dadurch gerade im Business-Segment eine Aufwertung erfahren, der Preisverfall kann dadurch eingebremst werden“, erklärt Nokia Österreich-Chef Martin Pedersen. Aber auch die Aufmerksamkeit werde somit stärker auf mobile Anwendungen gerichtet sein und verspricht neue Geschäfte.

Mobile Effizienz

Das Anwendungsspektrum reicht derzeit von banalen Anwendungen bis hin zum Abruf von Kundendaten aus der Unternehmenssoftware (ERP, CRM).

„Viele Unternehmen, vor allem Klein- und Mittelbetriebe, sind schon froh, wenn sie ihre Zettelwirtschaft in den Griff bekommen“, erklärt Thomas Bogensberger, Geschäftsführer der Software Virtic. „Doch es geht einiges mehr, wenn man die Prozesse im Unternehmen entsprechend steuert.“

Der Vorteil: Steigerung der Effizienz durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel ermöglicht eine zeitnahe Planung und Steuerung des Unternehmens. Stundenzettel, Baustellenabrech nung, Arbeitszeiterfassung oder auch das Flottenmanagement können so unmittelbar eingegeben werden. Die Daten werden digital in die Unternehmenssoftware eingespeist. Die Effizienzgewinne sind dabei bedeutend. „Das Ausfüllen von Stundenzetteln auf Papier entfällt komplett. Die Mitarbeiter geben ihre Daten sofort ein“, sagt Bogensberger.

Unleserliche Stundenzettel oder Kundendienstreports, die mit Verspätung von Baustellen oder Montagetrupps einlangen, werden durch Handy, Smartphone oder Minicomputer gleich eingegeben, wenn die Leistung erfolgt und abgeschlossen wird.

„Bereits am Abend hat man einen Überblick, was tagsüber geschehen ist. Und vor allem lässt sich die eigene Belegschaft auch dementsprechend einsetzen“, erklärt Bogensberger. Vor allem werden die Daten unmittelbar an die Programme für die Finanz- und Lohnbuchhaltung geschickt und können taggenau verarbeitet werden. Für die Kalkulation künftiger, etwa ähnlicher Projekte liefert die digitale Erfassung wichtige Informationen. Und wichtiges Verkaufsargument der Softwareanbieter: Die Investition hat sich bereits in weit weniger als einem Jahr amortisiert.

Derartige Programme können ebenso zur effizienten Flottenplanung für den Außendienst ergänzt werden, meint Bogensberger. Vom Unternehmenssitz aus können so Kundendienstoder Außendienst mitarbeiter geschickt gesteuert werden. Für den Einsatz etwa bei Hausverwaltungen ist der digitale Arbeitsnachweis via Handy gleichzeitig auch ein Beweis, dass im Winter etwa ein Schneeräumer tatsächlich um eine bestimmte Uhrzeit seinen Job an einem bestimmten Ort erfüllt hat.

Aus Datenschutzsicht sind derartige Programme allerdings nicht unproblematisch. Mitarbeiter sind theoretisch rund um die Uhr überprüfbar. Sie müssen deshalb zuvor auf die Überwachungsmöglichkeit hingewiesen werden.

Unternehmen auf der Lauer

Software statt Papier und Ordner heißt die Devise auch für die Daten, die „unstrukturiert“ im Unternehmen anfallen und aufzubewahren sind. „Alles, was sich nicht so gut in Datenbanken ablegen lässt, bringen wir in eine bestimmte Ordnung“, erklärt Markus Hartbauer, Lösungsarchitekt der Softwarefirma SER. Dazu zählen etwa Video, Telefonate, die als Datei im Posteingangsordner landen, E-Mails, in denen Ergänzungen zu Verträgen vereinbart wurden, oder auch Patientenakten bei Ärzten und Spitälern. SER will dafür sorgen, dass diese Daten auch „das nächste Jahrzehnt“ überdauern.

Ein Dokumentenmanagementsystem ordnet die unstrukturierten Daten zu bestehenden, „strukturierten“ Kundendaten. Bei Kundenanfragen hat der jeweilige Kunden - berater somit sämtliche Kundendaten verfügbar.

Doch die Intelligenz in der Software kennt schier keine Grenzen. Kundendaten sofort mit aktuellen Angeboten zu verknüpfen, zählt zu den großen Herausforderungen der Softwarebranche. Anhand von bestehenden Daten wird das Verhalten von Kunden analysiert, um daraus neue Verkäufe in die Wege zu leiten.

Beispielhaft dafür ist die Software von Internethändler Amazon, der die digitale Schleifspur der Kunden penibel aufzeichnet. Internetanfragen neuer Kunden werden mit ähnlichen Verhaltensmustern der bisherigen Käufer verglichen. Aufgrund der Erfahrungswerte bekommen die Neukunden ähnliche Kaufempfehlungen. Das System wird auch „Lauerkampagne“ oder „Pop-up-Kampagne“ genannt und wird für zusätzliche Verkaufsaktivitäten, für das sogenannte Up- und Cross-Selling, genutzt.

„Wenn ein Mobilfunkkunde bei seiner Hotline wegen einem Problem anruft, kann der Agent nach der Auskunftserteilung dem Kunden zusätzlich ein neues Angebot unterbreiten, das mit der Anfrage nicht im Zusammenhang steht“, sagt Peter Kühnberger, Sprecher von Senactive. Die Software zeigt dem Call Center Agent eine sogenannte „visuelle Ereigniskette“ an. Gleichzeitig wird ein Angebot ermittelt, das dem Kunden zusätzlich angeboten werden kann. Kunden, die eine bestimmte Häufigkeit bei Anrufen in bestimmte Länder haben, kann somit ein günstigerer Tarif angeboten werden.

Derartige Programme sind wichtig für die Kundenbindung. Die Programme von Senactive werden auch von Betreibern von Internet-Casinos und Online-Gaming verwendet, um das Verhalten der Spieler zu analysieren. Anhand bestimmter Verhaltensmuster werden per Software dubiose Spieler, die Geld waschen wollen oder als Trickser auftreten könnten, ausfindig gemacht. Zumindest wird damit zur „Risikominimierung“ der Wettplattformen wesentlich beigetragen, meint Kühnberger.

Wachsender Milliardenmarkt

Intelligente Software dürfte trotz – oder vielleicht gerade wegen der Finanzkrise – auch in Zukunft im Trend liegen. Gerade große IT-Konzerne setzen auf sogenannte Business Intelligence-Software.

Für einstellige Milliardenbeträge haben die Konzerne SAP (Übernahme von Business Objects), IBM (Cognos), Oracle (Hyperion) und zuletzt SAS (Ideas) in den letzten zwölf Monaten die Top-Spezialisten übernommen, die „gescheite“ Analyse- und Reportingsoftware produzieren. Das weltweite Wachstum zeigt laut IT-Forschungs- und Beratungsunternehmen Gartner noch immer nach oben.

Im abgelaufenen Jahr ist der Markt für Business Intelligence-Software um 12,1 Prozent auf 5,1 Milliarden Dollar gewachsen. Trotz Finanzkrise, so Gartner, werde das Wachstum in den kommenden zwei Jahren zwischen zehn und zwölf Prozent betragen.

Oberste Anforderung: einfache Handhabung, klare Darstellung und schnelle Auswertung – am Desktop-Computer im Büro sowie als Werkzeug für die Analyse aus der Westentasche von unterwegs.


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