
|
Dialog-backdrop Mein Beruf: LandwirtSie züchten Schnecken oder verkaufen Käse aus der eigenen Ziegen- und Schafsmilch. Um als Landwirt erfolgreich sein zu können, braucht vor allem eines: Einen guten Riecher für die Wünsche der Konsumenten. vergrößernGrafik
Der Schneckenzüchter Andreas Gugumuck nennt rund 500.000 Weinbergschnecken sein Eigen Sie sind genügsam, machen nicht viel Mist, und melken muss man sie schon gar nicht, die Tiere, die Andreas Gugumuck auf seiner Landwirtschaft in Wien-Rothneusiedl züchtet: Rund 50.000 Weinbergschnecken nennt er sein Eigen. Der Schneckenzüchter ist ein Quereinsteiger: Studiert hat er erst Wirtschaftsinformatik, bevor er den Hof, auf dem seit mehreren Generationen vor allem Gemüse angebaut wurde, von seinen Eltern übernommen hat. Vor drei Jahren stieß er in einem Buch auf die Information, dass Weinbergschnecken früher in Wien als regionale Delikatesse galten. Studienreisen nach Italien und in das Burgund, wo Schnecken heute noch gezüchet werden, brachten das nötige Wissen. Heute beliefert Gugumuck die gehobene Wiener Gastronomie mit seinen Tieren. Ganz zum Leben reicht das Geschäft mit den Schnecken noch nicht, Gugumuck ist momentan Schneckenzüchter im Nebenerwerb. "Ich produziere ein Nischenprodukt, die Marke muss erst entwickelt werden", sagt der Landwirt. Dagegen war es bei Barbara Zeiler-Koller vor allem der Wunsch, ihre eigene Chefin zu sein, und - der drei Kinder wegen - der nach einem Arbeitsplatz zu Hause. Das brachte sie dazu, gemeinsam mit ihrem Mann in die Landwirtschaft einzusteigen. Zusätzlich zwingt die Lage des Hofes im Kleinsölktal in der Steiermark auf 1000 Metern Seehöhe zur Selbstversorgung - bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit ist es immerhin 23 Kilometer weit. Heute züchten die beiden auf dem zwölf Hektar großen Hof, den sie 2000 von Michael Zeilers Eltern übernommen haben, Ziegen und Schafe. Die Milch der Tiere wird in der hofeigenen Käserei weiterverarbeitet und unter der Marke "7 Geißlein" entweder direkt ab Hof weiterverkauft, oder in regionale Lebensmittelläden geliefert. "Unsere Kunden schätzen die Transparenz, bei uns kann man sich jederzeit informieren, wie die Tiere leben", sagt Zeiler-Koller. Anzahl rückläufig. Wer dieser Tage zur Zeitung greift, sieht jedoch kaum eine rosige Zukunft, speziell für die Kleinbauern: "Bauernaufstand in Madrid", oder "Milchbauern mit Zukunftsängsten" lauten die Schlagzeilen. Die Zahlen zeigen auch für Österreich einen Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe. Laut der aktuellen Agrarstrukturerhebung wurden 2007 insgesamt 187.034 land- und forstwirtschaftliche Betriebe bewirtschaftet. Seit 1999 ist ein Rückgang um 30.474, das sind 14 Prozent, zu verzeichnen. Bei mehr als 90 Prozent der Betriebe ist nach wie vor ein Anpacken der verschiedenen Familienmitglieder gefragt. Bei knapp 60 Prozent davon reicht das Geld aus der Landwirtschaft nicht: Der Bauer oder die Bäuerin geht noch einer externen Arbeit nach. "Um einen Hof neu zu übernehmen, ist die Motivation der entscheidende Punkt", sagt Katrin Rödlach, Generalsekretärin der Österreichischen Jungbauernschaft. Ob es Sinn macht, den elterlichen Hof zu übernehmen, hängt aber auch von den regionalen Perspektiven ab. In Bergregionen sind diese vielleicht nicht ausreichend gegeben. Und da Landwirtschaft in Österreich nach wie vor eine Familienangelegenheit ist, ist nicht zuletzt auch ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben der Generationen entscheidend für einen erfolgreichen Beginn als Jungbauer. Quereinsteiger gibt es nur wenige, und wenn, "so sind es vor allem Frauen, die zu ihrem Partner auf den Hof ziehen", sagt Rödlach. Ändern müsse sich zudem das Selbstverständnis der Bauern: Traditionen hochzuhalten reicht nicht aus. Landwirte müssen sich über das Potenzial ihrer Betriebe klar werden und auch in Sachen Selbstvermarktung, beispielsweise über regionale Kooperationen, Initiative zeigen. Auch die Ausbildung reagiert auf die gestiegenen Anforderungen. "Das agrarwissenschaftliche Studium ist deutlich breiter geworden", sagt Herbert Weingartmann, Professor für Agrarwissenschaften an der BOKU Wien. Für ein Studium interessieren sich nicht mehr nur Menschen vom Land, zunehmend werden Agrarwissenschaften auch im urbanen Raum beliebter. Als "relativ schwarz", beurteilt der Experte jedoch die Aussichten für Milchbauern. Das Bestreben der Europäischen Union, die Landwirtschaft dem freien Markt zu überlassen, sorgt für Unsicherheit bei den Betrieben. So geben jährlich rund 2200 Milchbauern in Österreich auf. Nicht zuletzt, weil mit einem Milchpreis von rund 30 Cent pro Liter nicht kostendeckend produziert werden kann. Mit solchen Perspektiven rät IG-Milch Obmann Ewald Grünzweil "ganz ehrlich" auch niemandem dazu, in dieser Situation einen Milchbetrieb zu übernehmen. Und um sich - wie von der Landwirtschaftskammer empfohlen - neben dem Bauernhof noch einen Zweitjob zu suchen, sei die Arbeitsbelastung zu hoch. Es brauche ein politisches Bekenntnis, ob sich Österreich seine Milchbauern überhaupt leisten will. Trotz der eher tristen Lage der europäischen Landwirtschaft: Beirren lassen sich weder Schnecken- noch Ziegenzüchterin, wenn es um die Zukunft der eigenen Landwirtschaft geht: "Wir haben uns so aufgestellt, dass wir nicht nur auf die Ausgleichszahlungen angewiesen sind", sagt Zeiler-Koller. Und Andreas Gugumuck sieht für alternative Vermarktungskonzepte gute Chancen: "Zum Beispiel im direkten Verkauf, ohne den Handel". Damit könnten auch Kleinstbauern wieder einen besseren Preis für ihre Produkte erzielen. mehr Karriere…
|
Top-Artikel Karriere
Watchlist Juli: Jürgen Bobst neuer AKG-GeschäftsführerDer gebürtige Deutsche Jürgen Bobst leitet ab sofort das Akustikunternehmen AKG. Er... |
Kommentare… Kommentar hinzufügen…